Manierismus und Spätrenaissance
Nach der Harmonie der Hochrenaissance suchten die Künstler das Raffinierte, das Beunruhigende und das Überraschende.
Als Raffael 1520 starb und Michelangelo gezeigt hatte, was möglich war, fragten sich jüngere Künstler, was noch zu tun bliebe. Die Antwort war eine Kunst, die bewusst mit der Harmonie brach. Die Körper wurden gelängt, die Farben grell, die Räume eng und schwer lesbar. Die Stilrichtung heißt Manierismus, nach dem italienischen Wort maniera, Stil oder Art und Weise. Der Begriff war lange abwertend gemeint, heute gilt die Epoche jedoch als eine der experimentierfreudigsten der Kunstgeschichte. Die Künstler wollten ihren eigenen Stil zeigen.
Die Epoche war von Krisen geprägt. Rom wurde 1527 von den Soldaten des Kaisers geplündert, die Reformation spaltete die Kirche in Europa, und die katholische Kirche antwortete mit der Gegenreformation und dem Konzil von Trient. Die Kunst sollte nun klar und fromm sein, und Nacktheit in Kirchen wurde argwöhnisch betrachtet. Gleichzeitig blühte die Hofkunst in Florenz, Mantua und anderen Fürstenstädten, wo gebildete Auftraggeber rätselhafte Allegorien und elegante Virtuosität schätzten. Die Künstler bewegten sich zwischen diesen Welten. Derselbe Maler konnte ein strenges Altarbild für eine Kirche und einen sinnlichen Mythos für einen Herzog schaffen.
In Venedig malte Tizian bis in die 1570er-Jahre weiter, und Tintoretto und Veronese füllten Kirchen und Paläste mit großen, hellen und dramatischen Gemälden. Der Architekt Andrea Palladio baute Villen und Kirchen nach antiken Vorbildern, und sein Buch über Architektur verbreitete sich in der ganzen Welt. Giorgio Vasari schrieb die ersten Künstlerbiografien und gründete in Florenz eine Akademie. Die Kunst war zu etwas geworden, worüber man schrieb, das man lehrte und sammelte. Damit wurde der Grundstein für die moderne Kunstgeschichte gelegt.