Die Glasmalereien von Chartres

Die Kathedrale von Chartres besitzt über 150 erhaltene Glasfenster aus dem Mittelalter, berühmt für ihr tiefes Blau. Die Fenster erzählten die Geschichten der Bibel für alle, die nicht lesen konnten.
Die Gotik baute hoch und dünn, um Licht hereinzulassen – die Wände wurden fast ganz zu Glas.
Die Kathedrale Notre-Dame in Chartres südwestlich von Paris bewahrt eine Reliquie, die das Gewand der Jungfrau Maria sein soll. Das machte die Stadt zu einem bedeutenden Wallfahrtsziel. Im Jahr 1194 brannte die ältere Kathedrale ab. Die Westfassade und die Reliquie blieben verschont. Eine neue Kirche wurde in großer Eile errichtet, der größte Teil war in den 1220er-Jahren fertig. Geweiht wurde sie 1260. Den Bau finanzierten Bischöfe, Geistliche, Adel und die Bewohner der Stadt. Er ging so schnell voran, dass die Kathedrale einen ungewöhnlich einheitlichen Stil aufweist.
Die Kathedrale hat rund 170 Fenster, und der Großteil des Glases stammt aus der Zeit von 1200 bis 1240. Damit ist Chartres die am vollständigsten erhaltene Sammlung mittelalterlicher Glasmalereien. Drei Fenster in der Westfassade sind älter, aus der Mitte des 12. Jahrhunderts, und überstanden den Brand. Dazu gehört das Wurzel-Jesse-Fenster, das den Stammbaum Jesu zeigt. Auch das berühmte Marienbild Notre-Dame de la Belle Verrière besteht größtenteils aus älterem Glas, das gerettet und in ein neues Fenster eingesetzt wurde. Insgesamt bedeckt das Glas etwa 2.500 Quadratmeter.
Die Fenster erzählen von biblischen Ereignissen, Heiligenlegenden und dem Leben Marias. Die Erzählungen werden oft von unten nach oben gelesen, Feld für Feld. Ganz unten in vielen Fenstern sieht man Handwerker bei der Arbeit: Bäcker, Metzger, Weinhändler, Schuster. Sie wurden als Stifter gedeutet, doch es ist umstritten, in welchem Maß die Zünfte die Fenster tatsächlich bezahlten. Ein weiteres Fenster erzählt das Gleichnis vom verlorenen Sohn, und mehrere schildern die Legenden Karls des Großen.
Drei große Rosenfenster beherrschen den Raum. Das nördliche zeigt Maria mit dem Jesuskind, umgeben von Propheten und Königen. Es wird Königin Blanka von Kastilien zugeschrieben, und Lilien und Burgen verweisen auf Frankreich und Kastilien. Das südliche Rosenfenster zeigt Christus in der Herrlichkeit, die Westrose das Jüngste Gericht. Die Rosenfenster haben einen Durchmesser von über zehn Metern.
Das Glas wurde gefärbt, indem Metalloxide in die geschmolzene Masse gemischt wurden. Kobalt ergab das tiefe Blau, das als Chartres-Blau bezeichnet wird. Die farbigen Stücke wurden zugeschnitten und mit Bleiruten verbunden. Details wie Gesichter und Falten wurden mit einer dunklen Farbe, dem Schwarzlot, aufgemalt, das auf das Glas aufgebrannt wurde. Das Glas ist ungleich dick und voller kleiner Bläschen, wodurch sich das Licht bricht und die Farben leuchten.
Die neue Bautechnik der Gotik machte die Fenster möglich. Strebebögen an der Außenseite fingen den Schub der Gewölbe auf, sodass die Wände für große Glasflächen geöffnet werden konnten. Der Raum füllt sich mit gedämpftem, farbigem Licht. Die Theologen des Mittelalters verbanden das Licht mit Gott, und die Fenster sollten den Besucher das himmlische Jerusalem erahnen lassen. Das Licht verändert sich im Lauf des Tages, und die Farben wechseln mit Wetter und Jahreszeit.
In beiden Weltkriegen wurden die Gläser abmontiert und versteckt. Seit 1979 gehört die Kathedrale zum UNESCO-Welterbe. Ab 2009 wurde das Innere umfassend gereinigt und renoviert, wobei die Wände hell gestrichen wurden. Die Arbeiten waren unter Kunsthistorikern umstritten. Die Reinigung der Fenster hat auch gezeigt, wie hell und klar die Farben ursprünglich waren.