Kathedrale von Amiens
Amiens besitzt den größten mittelalterlichen Kirchenraum Frankreichs. Das Mittelschiff ist 42 Meter hoch und wurde rasch erbaut, sodass die Kathedrale ungewöhnlich einheitlich ist. Sie gilt als klassisches Vorbild der Hochgotik, mit Fenstern, die fast die gesamte Wand einnehmen.
Die ältere Kathedrale brannte 1218 ab, und 1220 begann der Bau einer neuen. Baumeister war zunächst Robert de Luzarches und nach ihm Thomas de Cormont und sein Sohn Renaud. Ihre Namen stehen im achteckigen Labyrinth im Boden des Mittelschiffs. Man begann mit dem Mittelschiff, was ungewöhnlich war, vielleicht weil die alte Kirche noch dort stand, wo der Chor liegen sollte. Der Hauptteil der Kirche war um 1270 fertiggestellt. Der Bau ging dank der in standardisierten Maßen behauenen Steinblöcke schnell voran, was neu war. In der Kathedrale wurde eine Reliquie aufbewahrt, die als Haupt Johannes’ des Täufers galt, und sie zog Pilger an.
Die Kathedrale hat einen kreuzförmigen Grundriss mit drei Schiffen, einem breiten Querhaus und einem Kapellenkranz um den Chor. Das Mittelschiff ist bis zum Gewölbe rund 42 Meter hoch und wird von Bündelpfeilern getragen, die ununterbrochen vom Boden bis zu den Gewölberippen verlaufen. Die dreigeschossige Wand besteht aus Arkadenbögen, einem Triforium und hohen Fenstern; im Chor ist auch das Triforium verglast, sodass das Licht die Wand beherrscht. Außen werden die Gewölbe von Strebebögen getragen. Die Westfassade hat drei tiefe Portale mit einem reichen Skulpturenprogramm, wobei Christus am Hauptportal auf einem Trumeau steht. Die Skulpturen waren ursprünglich bemalt, wie Laserscans gezeigt haben.
Die Kathedrale überstand sowohl die Religionskriege als auch die Revolution und die beiden Weltkriege verhältnismäßig gut. Im Ersten Weltkrieg wurde sie mit Sandsäcken geschützt, und mehrere der Glasmalereien wurden ausgelagert. Eugène Viollet-le-Duc restaurierte sie im 19. Jahrhundert. 1981 wurde die Kathedrale Welterbe. Sie war Vorbild für viele spätere gotische Kirchen, darunter den Kölner Dom, und wird im Unterricht oft als Beispiel dafür herangezogen, wie das System aus Pfeilern, Gewölben und Strebebögen der Hochgotik funktioniert.