San Vitale

Eine achteckige Ziegelkirche, außen schlicht und innen überwältigend. Im Chor stehen Kaiser Justinian und Kaiserin Theodora mit ihrem Gefolge in Mosaiken auf Goldgrund, als nähmen sie für immer an der Messe teil. Die Kirche wurde zum Vorbild für die Pfalzkapelle Karls des Großen in Aachen.
Der Bau wurde um 526 unter Bischof Ecclesius begonnen, als Ravenna nach dem Tod Theoderichs noch von den Ostgoten beherrscht wurde. Bezahlt wurde er von einem wohlhabenden Mann namens Julianus Argentarius, dessen Name so viel wie „der Bankier“ bedeutet. Während der Bauzeit wurde die Stadt von Byzanz erobert, und als die Kirche um 547 von Erzbischof Maximian geweiht wurde, war sie zu einem Denkmal der Macht des Kaisers im Westen geworden. Der Baumeister ist unbekannt. Die Mauern bestehen aus langen, dünnen Ziegeln mit breiten Fugen, einer Technik aus Konstantinopel. Die Kuppel wurde auf geschickte Weise aus hohlen Tonröhren gebaut, die spiralförmig ineinandergesteckt wurden. Dadurch wurde sie so leicht, dass sie von dünnen Wänden ohne schwere Stützen getragen werden konnte.
Der Grundriss besteht aus zwei ineinander liegenden Achtecken. Das innere wird von acht Pfeilern getragen, und zwischen ihnen wölben sich halbrunde Nischen mit Säulen in zwei Geschossen, sodass der Raum in den Umgang und die Emporen darüber überzufließen scheint. Nach Osten erstreckt sich der Chor mit einer Apsis. Die Vorhalle liegt schräg zur Kirche, was eines ihrer Rätsel ist. Die Kapitelle sind tief gebohrt wie Spitze oder Korbgeflecht. Die Mosaiken des Chors zeigen Christus auf der Weltkugel in der Apsis zwischen Engeln, den heiligen Vitalis und Bischof Ecclesius mit einem Modell der Kirche. Ringsum finden sich Szenen aus dem Alten Testament mit Abraham und Mose. Weiter unten stehen Justinian mit Brot und Theodora mit einem Kelch, umgeben von Hofstaat und Geistlichen.
Die Kirche steht seit fast eintausendfünfhundert Jahren im Wesentlichen unverändert, doch die Oberflächen haben sich gewandelt. Die Kuppel erhielt im 18. Jahrhundert barocke Deckenmalereien, und um 1900 wurden umfassende Restaurierungen der Mosaiken und des Mauerwerks durchgeführt, bei denen spätere Zutaten teilweise entfernt wurden. Heute gehört San Vitale zum Welterbe der frühchristlichen Denkmäler Ravennas. Seine Bedeutung liegt sowohl in den Mosaiken, die zu den am besten erhaltenen Bildern byzantinischer Kaiser gehören, als auch im Grundriss. Karl der Große ließ um das Jahr 800 seine Pfalzkapelle in Aachen nach dem Vorbild von San Vitale bauen, und von dort verbreitete sich die achteckige Zentralkirche in Nordeuropa. So führte eine Linie vom Hof Justinians zu den karolingischen und späteren mittelalterlichen Kirchen, die uns näher sind.