Moderne

Der Funktionalismus bricht mit der Geschichte und baut neu für alle, vom Bauhaus bis Brasília.

Nach dem Ersten Weltkrieg wollten die Architekten neu anfangen. Weg mit den Ornamenten und den entlehnten Stilen – her mit Licht, Luft, Industrie und Wohnungen für alle. Vom Bauhaus, von Le Corbusiers Paris und den De-Stijl-Niederlanden aus verbreitete sich die neue Architektur über die Welt, bis zu den Glashochhäusern Chicagos, zu Aaltos Finnland und nach Brasília.

Adolf Loos und die Wiener Architekten griffen das Ornament schon um 1910 an.

Bauhaus, Le Corbusier und Mies van der Rohe formulierten die neue Architektur in den 1920er-Jahren.

De Stijl und die Amsterdamer Schule zeigten zwei verschiedene Wege aus dem Historismus.

Tragende Skelette aus Beton und Stahl machten die Wände frei: Fensterbänder, freier Grundriss und Glaswände.

Die CIAM, 1928 gegründet, und die Ausstellung zum Internationalen Stil in New York 1932 machten die Moderne zu einer Weltbewegung.

Die Nationalsozialisten schlossen das Bauhaus 1933; Gropius und Mies setzten ihre Arbeit in den USA fort, wo der Glaswolkenkratzer zum Symbol der Konzerne wurde.

Nach 1945 wurden die Städte mit Vorstädten, Hochhäusern und Neuen Städten wieder aufgebaut, von Rotterdam und Harlow bis Vällingby.

Brasília, 1960 eingeweiht, und Chandigarh zeigten den Traum von vollständig geplanten Städten.

Im Norden verliehen Alvar Aalto, Arne Jacobsen und Sigurd Lewerentz der Moderne einen sanfteren, materialnahen Ton.

Wien und das Ornament. Um 1900 war Wien ein Zentrum neuer Ideen über Kunst und Gesellschaft. Das Ausstellungshaus der Secession von 1898, mit einer Kuppel aus vergoldeten Lorbeerblättern, markierte den Bruch mit dem Historismus der Akademien. Otto Wagner ging weiter in Richtung des Rationalen: Seine Postsparkasse, 1904–1906 erbaut, hat eine Fassade aus dünnen Steinplatten, die mit sichtbaren Bolzen befestigt sind, und eine Kassenhalle unter einem Glasdach, in der jedes Detail zeigt, wie das Gebäude gemacht ist. Josef Hoffmann entwarf das Palais Stoclet in Brüssel als Komposition aus glatten, weißen Flächen, die von Metallleisten gerahmt werden. Die schärfste Stimme war Adolf Loos. In dem Vortrag und Essay „Ornament und Verbrechen“ behauptete er, Ornament sei eine Verschwendung von Arbeit und Material und gehöre einer früheren Stufe der Kultur an. Sein Geschäfts- und Wohnhaus am Michaelerplatz, 1909–1911 gegenüber der Hofburg erbaut, hat ein mit grün geädertem Marmor verkleidetes Erdgeschoss, aber völlig glatte Obergeschosse, und es löste einen Skandal aus. Loos arbeitete gleichzeitig an einer Idee, die er Raumplan nannte, bei der die Räume je nach ihrer Bedeutung auf unterschiedlichen Höhen liegen. Seine Ideen vom Glatten, Ehrlichen und Zweckmäßigen wurden zu einem der Grundpfeiler der Moderne.

Die neue Architektur. In Deutschland, Frankreich und den Niederlanden wurde in den 1910er- und 1920er-Jahren eine völlig neue Architektur formuliert. Der Deutsche Werkbund wurde 1907 gegründet, um Künstler und Industrie zu vereinen; Peter Behrens entwarf 1909 die Turbinenfabrik der AEG in Berlin, und Walter Gropius’ Fagus-Werk von 1911 hatte verglaste Ecken ohne Stützen. Gropius gründete 1919 das Bauhaus in Weimar, und das Schulgebäude in Dessau von 1925–1926 wurde mit seinen Glaswänden und seinem asymmetrischen Grundriss zu einem Symbol der neuen Zeit. Le Corbusier schrieb 1923 in „Vers une architecture“ über das Haus als Maschine zum Wohnen und formulierte 1927 fünf Punkte: Stützen, die das Haus anheben, Dachgarten, freier Grundriss, Fensterband und freie Fassade. Die Villa Savoye bei Paris, 1931 fertiggestellt, ist ihr Schulbeispiel. Mies van der Rohe leitete die Weißenhofsiedlung in Stuttgart 1927 und ließ im Barcelona-Pavillon 1929 den Raum frei zwischen Wänden aus Marmor und Glas fließen. Alles beruht darauf, dass ein tragendes Skelett aus Beton oder Stahl die Wände frei macht. Die Nationalsozialisten schlossen das Bauhaus 1933, und mehrere der führenden Architekten zogen in die USA, wo die neue Architektur den Namen Internationaler Stil erhielt.

De Stijl und die Amsterdamer Schule. Die Niederlande waren im Ersten Weltkrieg neutral, und dort schlug die neue Architektur zwei völlig unterschiedliche Wege ein. In Amsterdam bauten Architekten wie Michel de Klerk und Piet Kramer Wohnviertel für Arbeiter aus formenreichem Backstein, mit wogenden Fassaden, Türmen und skulpturalen Details; Het Schip von 1921 ist das bekannteste Werk der Amsterdamer Schule. Gleichzeitig gründete der Maler Theo van Doesburg 1917 die Zeitschrift „De Stijl“, in der Künstler wie Piet Mondrian und Architekten wie J. J. P. Oud und Gerrit Rietveld die Kunst auf rechte Linien, Flächen und Primärfarben reduzieren wollten. Rietvelds Rietveld-Schröder-Haus in Utrecht von 1924 ist ein De-Stijl-Gemälde in drei Dimensionen: Wände als frei stehende Scheiben, vorspringende Balkone und ein Obergeschoss, in dem Schiebewände die Räume verwandeln. In Rotterdam baute Oud weiße Reihenhäuser für die Gemeinde, und die Van-Nelle-Fabrik, 1931 fertiggestellt, wurde zu einem der meistbewunderten Werke der neuen Architektur, eine Fabrik aus Glas und Beton voller Licht.

Bauhaus. Walter Gropius vereinigte 1919 die Kunstakademie und die Kunstgewerbeschule in Weimar zum Bauhaus. Die Idee der Schule war, Kunst und Handwerk, später auch Industrie, unter der Architektur zu vereinen. Die Studierenden begannen mit einem Grundkurs über Form, Farbe und Material, geleitet unter anderem von Johannes Itten und später László Moholy-Nagy, und arbeiteten dann in Werkstätten für Metall, Möbel, Textil, Keramik und Druck. Zu den Lehrern gehörten die Maler Wassily Kandinsky und Paul Klee. Als die politische Rechte in Thüringen die Macht übernahm, zog die Schule 1925 in die Industriestadt Dessau, wo Gropius das Schulgebäude mit der Glaswand des Werkstattflügels und Wohnungen für die Lehrer entwarf. Die Stahlrohrmöbel, die Marcel Breuer dort gestaltete, werden noch heute hergestellt. Unter Hannes Meyer und dann Mies van der Rohe wurde der Unterricht stärker auf Architektur und Wohnungsbau ausgerichtet. 1932 zog die Schule nach Berlin und wurde 1933 unter dem Druck der Nationalsozialisten geschlossen. Lehrer und Studierende verbreiteten die Ideen danach in der ganzen Welt, und das Bauhaus wurde ebenso sehr zum Mythos wie zur Schule.

Le Corbusier. Charles-Édouard Jeanneret, 1887 in La Chaux-de-Fonds in der Schweiz geboren, nahm um 1920 in Paris den Namen Le Corbusier an. Schon 1914 hatte er Dom-Ino entworfen, ein Skelett aus Betonplatten auf Stützen mit einer Treppe, das zeigte, dass die Wände nicht mehr tragen mussten. In der Zeitschrift „L’Esprit Nouveau“ und im Buch „Vers une architecture“ verglich er Tempel mit Autos und Flugzeugen und forderte eine Architektur für das Maschinenzeitalter. Seine Stadtpläne waren ebenso radikal: Der Plan Voisin von 1925 sah vor, große Teile des Pariser Zentrums abzureißen und durch kreuzförmige Hochhäuser in einem Park zu ersetzen. Nach dem Krieg erprobte er seine Ideen im Maßstab 1:1, im Wohnhaus Unité d’habitation in Marseille und in der neuen Hauptstadt des Bundesstaats Chandigarh in Indien. Gleichzeitig erneuerte er sich selbst: Die Kapelle in Ronchamp und das Kloster La Tourette zeigten eine freiere, schwerere Architektur aus rohem Beton. Nur wenige Architekten haben so großen Einfluss gehabt, und nur wenige wurden so scharf dafür kritisiert, wohin seine Ideen über die Stadt führten.

Mies van der Rohe. Ludwig Mies van der Rohe, Sohn eines Steinmetzen aus Aachen, fasste seine Architektur in den Worten „less is more“ zusammen. In den 1920er-Jahren entwarf er Glashochhäuser, die nie gebaut wurden, und leitete die Weißenhofsiedlung in Stuttgart. Der Barcelona-Pavillon von 1929 und die Villa Tugendhat in Brünn, 1930 fertiggestellt, zeigen seine Idee eines frei fließenden Raums zwischen Wänden aus Onyx und Glas, unter einem Dach, das von verchromten Stützen getragen wird. Er war der letzte Direktor des Bauhauses und zog 1938 nach Chicago, wo er den Campus des Illinois Institute of Technology entwarf. In den USA bildete er das Stahlskelett konsequent aus: Das Farnsworth House ist ein Glaskasten auf Stützen über einer Flusswiese, und das Seagram Building in New York, zusammen mit Philip Johnson entworfen, wurde zum Vorbild für Bürohochhäuser in aller Welt. Die Details waren alles, und der Satz „Gott steckt im Detail“ wird ihm oft zugeschrieben. Seine Nachfolger machten seine Glasfassaden zum Standard, dem oft seine Präzision fehlte.

Wright und Amerika. Frank Lloyd Wright, der bei Louis Sullivan in Chicago angefangen hatte, wollte eine Architektur für die amerikanische Prärie schaffen. Seine Präriehäuser aus dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts haben niedrige, weit auskragende Dächer, einen großen offenen Kamin in der Mitte und ineinander übergehende Räume, und das Robie House in Chicago von 1910 ist das konsequenteste. Als seine Zeichnungen 1910–1911 in Berlin veröffentlicht wurden, in der sogenannten Wasmuth-Mappe, beeinflussten sie junge europäische Architekten. Wright nannte seine Architektur organisch: Das Haus sollte aus dem Ort und seinen Materialien herauswachsen. Fallingwater in Pennsylvania, 1936–1939 erbaut, kragt Terrassen aus Beton über einen Wasserfall aus. Sein Guggenheim-Museum in New York, 1959 eingeweiht, in dem Jahr, in dem er starb, ist eine Spirale, in der die Besucher eine einzige Rampe hinabgehen. Wright stand außerhalb des Internationalen Stils, war aber mehr als fünfzig Jahre lang der bekannteste Architekt der USA.

Der Internationale Stil. 1932 zeigte das Museum of Modern Art in New York eine Ausstellung über moderne Architektur, und die Kuratoren Henry-Russell Hitchcock und Philip Johnson gaben der neuen europäischen Architektur im selben Jahr den Namen Internationaler Stil. Sie beschrieben ihn mit drei Prinzipien: Volumen statt Masse, Regelmäßigkeit statt Symmetrie und kein aufgesetztes Ornament. Die Modernisten Europas versammelten sich seit 1928 in den CIAM, den Internationalen Kongressen für Neues Bauen, wo sie über Wohnen und Stadtplanung diskutierten; der Kongress von 1933 formulierte Prinzipien zur Trennung von Wohnen, Arbeit, Erholung und Verkehr, die Le Corbusier später als Charta von Athen herausgab. Als Gropius 1937 nach Harvard und Mies 1938 nach Chicago kamen, erhielt der Stil eine neue Basis. Nach dem Krieg wurde der Glaswolkenkratzer mit Curtain Wall, einer vor das Skelett gehängten Fassade aus Glas und Metall, zum Bürohaus der ganzen Welt, vom Lever House in New York 1952 bis zum UN-Hauptquartier. Kritiker meinten, der Stil sei zur Formel geworden, doch er baute einen großen Teil der Städte der Nachkriegszeit.

Die neue Stadt. Die Modernisten wollten nicht nur Häuser entwerfen, sondern ganze Städte. In Frankfurt baute Stadtbaurat Ernst May 1925–1930 rund zwölftausend Wohnungen in neuen Vorstädten, mit einer standardisierten Küche, der Frankfurter Küche, entworfen von Margarete Schütte-Lihotzky. In Berlin baute Bruno Taut Wohnsiedlungen wie die hufeisenförmige Hufeisensiedlung. Das Ideal waren Zeilenbauten im Grünen, in denen jede Wohnung Sonne und Luft erhielt, anstelle der geschlossenen Blöcke der Steinstadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzten sich die Ideen im großen Maßstab durch. Das 1940 bombardierte Zentrum von Rotterdam wurde mit autofreien Einkaufsstraßen wieder aufgebaut, Großbritannien gründete Neue Städte wie Stevenage und Harlow. In Osteuropa entstanden große Wohngebiete aus industriell gefertigten Betonelementen. Ab den 1960er-Jahren wurden Vorstädte mit Hochhäusern in großem Maßstab gebaut, von den französischen Grands Ensembles bis zu den Betonvorstädten Osteuropas, und sie wurden bald als einseitig und isolierend kritisiert.

Beton und Glas. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Moderne zur offiziellen Architektur der Welt. Le Corbusiers Unité d’habitation in Marseille, 1947–1952 erbaut, war ein Wohnhaus für rund 1 600 Menschen auf Stützen, mit einer inneren Ladenstraße und einer Dachterrasse mit Kindertagesstätte und Laufbahn. Er ließ den Beton unbehandelt, béton brut, mit den Abdrücken der Schalung, und das gab dem Brutalismus seinen Namen, der sich in den 1950er- und 1960er-Jahren verbreitete. Seine Kapelle in Ronchamp von 1955 zeigte, dass die Moderne auch skulptural sein konnte. In den USA wurde der Glaswolkenkratzer zum Symbol der Macht der Konzerne; Mies van der Rohes Seagram Building in New York von 1958 hat eine Fassade aus Bronze und getöntem Glas. Brasília, 1960 nach Lúcio Costas Plan und mit Bauten von Oscar Niemeyer als Hauptstadt Brasiliens eingeweiht, und Le Corbusiers Chandigarh in Indien zeigten den Traum von vollständig geplanten Städten. Jørn Utzons Opernhaus in Sydney, 1973 eingeweiht, wurde zu einer Weltikone. Die Moderne der Nachkriegszeit erkennt man an sich wiederholenden Fassadenmodulen, sichtbarem Beton, großen Glasflächen, Flachdächern und frei stehenden Gebäuden in Parks oder an großen Verkehrsstraßen. Gleichzeitig wuchs die Kritik am Großmaßstäblichen und an Städten, die eher für das Auto als für die Menschen geplant waren.

Aalto und der Norden. Im Norden ging die Moderne in den 1920er-Jahren aus einem hellen, vereinfachten Klassizismus hervor und setzte sich um 1930 durch. Alvar Aalto in Finnland wurde bald zum führenden Vertreter der nordischen Moderne. Sein Sanatorium in Paimio, 1933 fertiggestellt, und die Bibliothek in Wyborg von 1935 waren weiß und hell, doch schon dort gab es wogende Innendecken aus Holz und die Sorgfalt darauf, wie es sich anfühlt, einen Türgriff anzufassen. Die Villa Mairea von 1939 und das Rathaus von Säynätsalo von 1952 verbinden Moderne, Backstein, Holz und Landschaft. In Dänemark entwarf Arne Jacobsen alles vom Haus bis zum Besteck. Die nordische Moderne bekam den Ruf, menschlich und tageslichtnah zu sein, und sie hat Architekten in aller Welt beeinflusst.

Brasília und Chandigarh. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekamen die Modernisten die Chance, ganze Hauptstädte von Grund auf zu bauen. Brasiliens Präsident Juscelino Kubitschek ließ die Hauptstadt von Rio de Janeiro auf das Hochplateau im Landesinneren verlegen. Lúcio Costas Plan hat die Form eines Flugzeugs oder eines Kreuzes, mit den Regierungsgebäuden entlang einer monumentalen Achse und Wohngebieten, den Superquadras, entlang der Flügel. Oscar Niemeyer entwarf den Nationalkongress mit zwei Schalen und zwei Türmen, die Kathedrale und den Präsidentenpalast in geschwungenen Betonformen, und die Stadt wurde 1960 nach nur wenigen Jahren Bauzeit eingeweiht. In Indien brauchte der Bundesstaat Punjab nach der Teilung 1947 eine neue Hauptstadt, und Le Corbusier entwarf ab 1951 Chandigarh, mit Parlament, Oberstem Gerichtshof und Sekretariat aus schwerem, skulpturalem Beton. Das Regierungsviertel von Brasília und das Kapitol von Chandigarh sind heute Welterbe, doch die Städte sind auch zu Beispielen dafür geworden, wie schwierig es ist, ein Leben von oben zu planen: Das Auto dominiert, und vieles entstand in informellen Siedlungen außerhalb des Plans.