Gegenwart
Postmoderne, High-Tech, freie Formen – und Holz als Material des Klimas.
Seit den 1970er-Jahren gibt es keinen gemeinsamen Stil mehr. Die Postmoderne bediente sich bei der Geschichte, der High-Tech zeigte die Technik, und der Computer machte freie Formen möglich. Der Block kam zurück, und heute haben das Klima, Sanierung, Wiederverwendung und Holz zu den großen Fragen der Architektur gemacht.
Die Postmoderne antwortete auf die Eintönigkeit der Moderne mit Zitat, Farbe und Ironie.
Block und Straße kehrten in die Stadtplanung zurück, von der IBA in Berlin bis zu neuen Stadtvierteln auf alten Hafenarealen.
Der High-Tech zeigte Tragwerk und Haustechnik; der Computer ermöglichte freie, doppelt gekrümmte Formen.
Das Guggenheim-Museum in Bilbao 1997 gab dem „Bilbao-Effekt“ und der Zeit der Ikonenbauten den Namen.
Dekonstruktivisten wie Zaha Hadid, Daniel Libeskind und Rem Koolhaas brachen die Kiste in schiefe und zersplitterte Formen auf.
Der Wolkenkratzer wurde global: Der Burj Khalifa in Dubai ist seit 2010 das höchste Gebäude der Welt.
Brettsperrholz hat hohe Holzhäuser wieder möglich gemacht, vom Mjøstårnet in Norwegen bis zum Sara Kulturhus in Skellefteå.
Das klimafreundlichste Haus ist oft das, das schon steht: Sanierung und Umbau vor Abriss.
Die Klimaanforderungen haben die Emissionen des Bauens selbst zu einem neuen Maßstab für gute Architektur gemacht.
Postmoderne. Die Kritik an der Moderne wuchs in den 1960er-Jahren. Robert Venturi schrieb 1966 in „Complexity and Contradiction in Architecture“, Architektur dürfe widersprüchlich und mehrdeutig sein, und er antwortete auf Mies van der Rohes „less is more“ mit „less is a bore“. Zusammen mit Denise Scott Brown und Steven Izenour studierte er die Reklameschilder und Kasinos von Las Vegas und meinte, Architekten könnten viel von den kommerziellen Umgebungen des Alltags lernen. Der Kritiker Charles Jencks ließ die Moderne symbolisch sterben, als die Wohnsiedlung Pruitt-Igoe in Saint Louis 1972 gesprengt wurde. Die Postmodernisten brachten Giebel, Säulen, Bögen und Farbe zurück, oft vergrößert, flach wie Kulissen oder mit einem Hauch von Ironie. Michael Graves’ Portland Building von 1982 und Philip Johnsons Wolkenkratzer für AT&T in New York, mit einer Spitze, die an einen Möbelgiebel erinnert, wurden viel beachtete Beispiele. Die Postmoderne erkennt man an Symmetrie, kräftigen Farben, vereinfachten klassischen Formen und Fassaden, die ganz offensichtlich etwas bedeuten sollen.
Der Block kehrt zurück. Parallel zur Postmoderne kam es zu einer Neubewertung der traditionellen Stadt. Jane Jacobs schrieb schon 1961 „The Death and Life of Great American Cities“, in dem sie dichte, gemischte Viertel mit lebendigen Straßen gegen die getrennten Zonen der modernen Planung verteidigte. Architekten wie Aldo Rossi in Italien und die Brüder Rob und Léon Krier studierten die Typen der Stadt – Block, Straße, Platz – als etwas, auf dem man weiterbauen konnte. In Bologna wurde die Altstadt in den 1970er-Jahren unter Verbleib der Bewohner restauriert. Die Internationale Bauausstellung IBA in West-Berlin in den 1980er-Jahren schloss zerbombte Blöcke mit neuen Häusern entlang der alten Straßenfluchten, entworfen von Architekten aus aller Welt. In Barcelona wurden alte Industrie- und Hafengebiete vor den Olympischen Spielen 1992 umgestaltet. Seitdem ist der Block das Grundmuster des größten Teils des europäischen Städtebaus. Die neue Blockstadt erkennt man an Häusern, die geschlossene Höfe bilden, an Ladenlokalen im Erdgeschoss und an Fassaden, die variiert werden, damit sie wie eine über die Zeit gewachsene Stadt wirken.
High-Tech und die Ikonen. Ein anderer Weg aus der Moderne bestand darin, die Technik weiterzutreiben. Das Centre Pompidou in Paris, von Renzo Piano und Richard Rogers entworfen und 1977 eingeweiht, zeigte Tragwerk, Lüftungsrohre und Rolltreppen außen, in Farben nach Funktion gestrichen: blau für Luft, grün für Wasser, gelb für Strom. Rogers’ Lloyd’s Building in London von 1986 und Norman Fosters HSBC-Bank in Hongkong von 1985 entwickelten den Stil weiter, den man High-Tech nennt, mit Stahl, Glas und sichtbarer Haustechnik. Frank Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao, 1997 eingeweiht und mit wogendem Titanblech verkleidet, wurde zur Weltsensation. Es verwandelte eine Industriestadt in der Krise in ein Reiseziel und gab dem „Bilbao-Effekt“ seinen Namen. Städte in aller Welt bestellten Ikonenbauten bei einer kleinen Zahl international bekannter Architekten, sogenannten Stararchitekten, in der Hoffnung auf dasselbe Ergebnis. Kritiker haben darauf hingewiesen, dass das Ergebnis oft teure Solitäre waren, die wenig mit dem Ort zu tun haben.
Der Computer als Zeichentisch. Seit den 1990er-Jahren wird Architektur am Computer entworfen, und das hat sowohl die Formen als auch den Bauprozess verändert. Frank Gehrys Büro nutzte Software, die für die Luftfahrtindustrie entwickelt worden war, um die doppelt gekrümmten Flächen in Bilbao zu beschreiben und herzustellen. Zaha Hadid, die 2004 als erste Frau den Pritzker-Preis erhielt, ging von dramatischen Zeichnungen und Gemälden zu Gebäuden mit fließenden, dynamischen Formen über, wie dem MAXXI-Museum in Rom und dem Opernhaus in Guangzhou. Ihr Mitarbeiter Patrik Schumacher prägte den Begriff Parametrizismus für eine Architektur, in der die Formen durch Algorithmen und Regeln statt durch handgezeichnete Skizzen entstehen. Heute werden ganze Gebäude vor Baubeginn digital mit Tragwerk, Haustechnik und Materialien modelliert, in sogenannten BIM-Modellen, die von Architekten, Ingenieuren und Bauunternehmern gemeinsam genutzt werden. Der Computer dient auch dazu, Tageslicht, Energieverbrauch und Klimabelastung früh in den Projekten zu berechnen. Computergesteuerte Maschinen schneiden Holz, Stein und Stahl mit großer Präzision, und es wird mit 3D-gedruckten Teilen und Robotern auf der Baustelle experimentiert. Das hat möglich gemacht, was früher nicht zu zeichnen, zu berechnen oder zu bauen war, aber auch die Frage aufgeworfen, was verloren geht, wenn die Handskizze nicht mehr der Ausgangspunkt ist.
Der Dekonstruktivismus. 1988 zeigte das Museum of Modern Art in New York die Ausstellung „Deconstructivist Architecture“ mit sieben Architekten: Frank Gehry, Daniel Libeskind, Rem Koolhaas, Peter Eisenman, Zaha Hadid, Coop Himmelb(l)au und Bernard Tschumi. Sie hatten unterschiedliche Hintergründe, teilten aber den Willen, die rechtwinklige Kiste in schiefe Ebenen, zersplitterte Volumen und Formen aufzubrechen, die in Bewegung zu sein scheinen. Tschumis Parc de la Villette in Paris, mit roten Pavillons, die in einem Raster verteilt sind, war eines der ersten großen Werke. Hadid, die mit einer Feuerwache für Vitra in Weil am Rhein 1993 den Durchbruch erzielte, baute später fließende Formen aus Beton, wie das MAXXI in Rom und das Heydar-Aliyev-Zentrum in Baku. Libeskinds Jüdisches Museum in Berlin, 1999 fertiggestellt, macht die Zickzackform und die leeren Räume durch das Haus zu einer Erzählung vom Verlust. Der Dekonstruktivismus war nie ein einheitlicher Stil, aber er zeigte, dass der Computer und neue Konstruktionsmethoden Formen verwirklichen konnten, die zuvor nur zeichenbar gewesen waren.
Das globale Hochhaus. Seit den 1990er-Jahren hat sich der Schwerpunkt des Wolkenkratzers von Nordamerika nach Asien und in den Nahen Osten verlagert. Die Petronas Towers in Kuala Lumpur wurden 1998 zu den höchsten Gebäuden der Welt, und der Burj Khalifa in Dubai, 2010 eingeweiht, ist mit 828 Metern das höchste. In Europa hat London eine Reihe von Hochhäusern mit Spitznamen erhalten, von Norman Fosters 30 St Mary Axe, der Gherkin, bis zu Renzo Pianos The Shard von 2012. Die Hochhäuser sind auch technisch anspruchsvoller geworden, mit Doppelfassaden zur Belüftung, Tragwerken, die Wind und Erdbeben standhalten, und Formen, die die Windlast verringern. Gleichzeitig haben die Türme eine Debatte darüber ausgelöst, was sie mit dem Stadtbild machen, wie viel Energie sie verlangen und für wen sie gebaut werden. Rem Koolhaas’ CCTV-Hauptsitz in Peking von 2012, zwei geneigte Türme, die sich hoch über dem Boden in einer Schleife treffen, zeigt, dass ein Hochhaus kein Turm sein muss. In Mailand hat Stefano Boeris Bosco Verticale, zwei Wohntürme mit Bäumen auf den Balkonen, das Grün zu einem Teil der Fassade gemacht.
Stille und Material. Den Ikonenbauten steht eine Architektur gegenüber, die das Stille und Beständige sucht. Der portugiesische Architekt Álvaro Siza baut weiße, sorgfältig platzierte Häuser, die sich dem Gelände und dem Licht anpassen, wie die Meerwasserschwimmbäder in den Küstenfelsen von Leça da Palmeira. Tadao Ando in Japan macht glatten Beton, Licht und Wasser zu seinen Materialien; in der Kirche des Lichts in Ibaraki von 1989 schneidet ein Kreuz aus Licht durch die Altarwand. Peter Zumthor in der Schweiz baute 1996 die Therme Vals, ein Bad aus Schicht um Schicht lokalem Stein, in dem Wasser, Stein und Licht alles sind. Er hat über Atmosphäre geschrieben, darüber, wie ein Gebäude klingt, riecht und sich anfühlt, wenn man es berührt. Eine ähnliche Haltung findet sich bei Architekten wie Sverre Fehn in Norwegen und Rafael Moneo in Spanien. Gemeinsam ist ihnen der Glaube an Handwerk, Ort und Material und daran, dass Architektur würdevoll altern soll.
Berlin nach der Mauer. Keine Stadt zeigt die Architektur der Gegenwart so wie Berlin nach dem Fall der Mauer 1989. Die geteilte Stadt sollte wieder Hauptstadt werden, und in den 1990er-Jahren war sie die größte Baustelle Europas. Der Potsdamer Platz, der an der Mauer brachgelegen hatte, wurde mit Büros und Wohnungen bebaut, entworfen unter anderem von Renzo Piano und Helmut Jahn. Der Senatsbaudirektor Hans Stimmann forderte, dass neue Häuser im Zentrum den alten Blockgrenzen folgen und eine traditionelle Traufhöhe einhalten sollten, eine kritische Rekonstruktion der alten Stadt. Norman Foster baute den Reichstag mit einer Glaskuppel um, und das Regierungsviertel an der Spree wurde von Axel Schultes und Charlotte Frank entworfen. Daniel Libeskinds Jüdisches Museum und Peter Eisenmans Denkmal für die ermordeten Juden Europas, 2005 mit 2 711 Betonblöcken eingeweiht, zeigen, wie Architektur Erinnerung tragen kann. Der alte Stadtplan und die Fragen der neuen Zeit treffen sich nun in Stadtteilen, die sich vom Grenzland zum Zentrum gewandelt haben.
Umbau und Erweiterung. Immer öfter wird der Umbau alter Häuser zur wichtigsten Aufgabe der Architektur. Die Tate Modern in London wurde 2000 in einem stillgelegten Kraftwerk an der Themse eröffnet, von Herzog & de Meuron umgebaut, wobei die riesige Turbinenhalle zu einem öffentlichen Raum wurde. Norman Foster gab dem Reichstag in Berlin 1999 eine neue Glaskuppel, in der Besucher über den Plenarsaal hinaufgehen können. David Chipperfield baute das kriegsbeschädigte Neue Museum in Berlin wieder auf, 2009 wiedereröffnet, sodass die Schäden und die neuen Teile nebeneinander sichtbar sind. In Paris haben Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal Hochhäuser der Nachkriegszeit umgebaut, indem sie Wintergärten und Balkone anfügten, statt sie abzureißen. Die Herausforderung besteht darin, etwas Neues hinzuzufügen, ohne das Alte auszulöschen, und die Zeitschichten sichtbar zu lassen. Oft wird eine behutsame Sanierung mit einem deutlich modernen Anbau kombiniert, damit erkennbar bleibt, was neu ist. Auch die Wiederverwendung von Material wie Backsteinen, Fenstern und Türen aus abgerissenen Häusern hat begonnen, in größerem Maßstab eingesetzt zu werden.
Holz und Klima. Das Bauwesen verursacht einen großen Teil der weltweiten Kohlendioxidemissionen, vor allem durch die Herstellung von Zement und Stahl. Holz bindet Kohlenstoff und lässt sich mit geringem Energieaufwand herstellen, weshalb es als Baumaterial in großem Maßstab zurückgekehrt ist. Nach Jahrhunderten von Stadtbränden hatten viele Länder hohe Holzhäuser verboten, doch die Regeln wurden geändert, sodass der Brandschutz stattdessen durch Berechnung und Prüfung nachgewiesen werden kann. Brettsperrholz, Platten aus kreuzweise verleimten Brettern, das in den 1990er-Jahren in Österreich entwickelt wurde, und Brettschichtholz haben es wieder möglich gemacht, hohe Häuser aus Holz zu bauen. In London wurde das Wohnhaus Murray Grove, neun Geschosse aus Massivholz, 2009 fertiggestellt. Das Mjøstårnet in Brumunddal in Norwegen wurde 2019 eines der höchsten Holzhäuser der Welt, und in Skellefteå wurde 2021 das Sara Kulturhus mit einem Hotel von zwanzig Geschossen eingeweiht. Die Debatte dreht sich nun darum, wie der Wald bewirtschaftet werden soll, wie das Holz vor Feuchtigkeit und Feuer geschützt werden kann und darum, für eine lange Lebensdauer und den Rückbau zu bauen.
Die Klimaanforderungen. Nachhaltigkeit ist zur beherrschenden Frage der Architekten der Gegenwart geworden und hat sowohl verändert, wie gebaut wird, als auch, wie man misst, was gute Architektur ist. Lange lag der Fokus auf dem Energieverbrauch, wenn das Haus fertig ist: dickere Dämmung, dichte Häuser, Wärmerückgewinnung und das Passivhaus, ein Standard aus Deutschland für Häuser, die fast ohne Heizung auskommen. Jetzt ist die Klimabelastung durch das Bauen selbst in den Mittelpunkt gerückt. Mit Ökobilanzen berechnet man die Emissionen von Material, Transport und Bauprozess, und sie zeigen oft, dass die Herstellung von Beton und Stahl am schwersten wiegt. Mehrere Länder, darunter Frankreich, Dänemark und Schweden, haben Grenzwerte oder Anforderungen an eine Klimadeklaration für neue Gebäude eingeführt. Die Architekten antworten mit weniger Beton, mehr Holz und wiederverwendetem Material, Solarzellen auf Dächern und Fassaden, Gründächern und Regenwasserlösungen, die Starkregen bewältigen. Gleichzeitig erinnern Kritiker daran, dass es oft am nachhaltigsten ist, weniger zu bauen, vorhandene Flächen besser zu nutzen und Häuser lange leben zu lassen. Das ist eine Rückkehr zu alten Tugenden: robuste Materialien, anpassbare Grundrisse und Sorgfalt bei der Instandhaltung.