Die Erschaffung Adams

Gott streckt die Hand aus, um Adam Leben einzuhauchen. Die Szene ist Teil von Michelangelos Deckenmalerei in der Sixtinischen Kapelle, die er in vier Jahren malte, stehend auf einem Gerüst.
Der Zwischenraum zwischen den Fingern ist die Mitte des Bildes – das Leben ist noch nicht übertragen.
Im Jahr 1508 beauftragte Papst Julius II. Michelangelo, die Decke der Sixtinischen Kapelle im Vatikan auszumalen. Michelangelo sah sich vor allem als Bildhauer und übernahm den Auftrag widerwillig. Er arbeitete vier Jahre lang mit Hilfe einiger Assistenten, und die Decke wurde Ende Oktober 1512 erstmals gezeigt. Die Erschaffung Adams wird meist auf etwa 1511 datiert.
Die Decke ist über vierzig Meter lang. In der Mitte werden neun Szenen aus dem ersten Buch Mose erzählt, von der Erschaffung des Lichts bis zur Trunkenheit Noahs. Ringsum sitzen Propheten und Sibyllen, nackte junge Männer, die Ignudi genannt werden, sowie die Vorfahren Christi. Die Erschaffung Adams ist vom Altar aus gesehen die vierte Szene und gehört zu den bekanntesten Bildern der westlichen Kunst.
Adam liegt halb ausgestreckt an einem kahlen Hang links. Sein Körper ist vollkommen, aber noch schlaff, und er hebt müde den linken Arm zu Gott. Gott kommt von rechts herangeschwebt, von Engeln getragen, in einem großen, rötlichen Mantel. Er streckt den rechten Zeigefinger aus. Zwischen den beiden Händen bleibt eine kleine Lücke, und darin liegt die Spannung des Bildes. Adam hat seinen Körper bereits erhalten, doch der Lebensfunke ist noch nicht übertragen.
Unter Gottes linkem Arm befindet sich eine Frau, die Adam ansieht, und an seiner Hand ein Kind. Die Frau wurde oft als Eva gedeutet, die noch nicht erschaffen ist, oder als die Weisheit. Das Kind wurde mitunter als Christus gesehen. Diese Deutungen sind nicht gesichert. Die bekannte Idee, Gottes Mantel und die Engel hätten die Form eines menschlichen Gehirns, wurde 1990 von einem Arzt vorgebracht und ist eine Spekulation.
Michelangelo malte in echtem Fresko auf einem von ihm selbst entworfenen Gerüst. Er lag nicht auf dem Rücken, wie oft behauptet wird, sondern stand mit zurückgebeugtem Kopf. In einem Gedicht beschreibt er scherzhaft, wie sein Körper sich bei der Arbeit verrenkte. Die Gestalt Adams wurde in nur wenigen Tagwerken gemalt. Ein Riss im Gewölbe führte dazu, dass Teile von Adams Fingern später ausgebessert und neu gemalt werden mussten.
In den 1980er-Jahren wurde die Decke in einer großen Restaurierung gereinigt. Ruß von Kerzen sowie alte Schichten von Leim und Firnis wurden entfernt. Zum Vorschein kamen kräftige, klare Farben, die viele überraschten, da Michelangelo lange als Maler dunkler Töne gegolten hatte. Die Restaurierung war umstritten: Manche Kritiker meinten, auch Michelangelos eigene letzte Schichten seien abgetragen worden.
Das Bild der zwei Hände ist zu einem der meistkopierten Bilder der Welt geworden. Es wird in Werbung, Filmen und Karikaturen verwendet und ist zu einem Symbol für den Ursprung des Lebens selbst geworden. Die Decke beeinflusste Künstler mehrerer Generationen, und Michelangelo kehrte später in die Kapelle zurück, um das Jüngste Gericht an der Altarwand zu malen.