Die Arnolfini-Hochzeit

Der Kaufmann Giovanni Arnolfini und seine Frau in einem Zimmer in Brügge. Van Eyck zeigt eine neue Präzision in der Ölmalerei: Der Pelz, der Messingleuchter und die Orangen im Fenster scheinen greifbar.
Im konvexen Spiegel an der Wand sind zwei Gestalten in der Tür zu sehen – eine davon vielleicht der Maler selbst.
Das Gemälde ist an der Wand über dem Spiegel signiert und datiert. Dort steht auf Latein, dass Jan van Eyck hier war, gefolgt von der Jahreszahl 1434. Van Eyck war Hofmaler des Herzogs von Burgund und lebte in Brügge, einer der reichsten Handelsstädte Nordeuropas. Arnolfini war ein italienischer Kaufmann aus Lucca, der in der Stadt tätig war. Das Bild ist klein, etwa 82 mal 60 Zentimeter, und auf eine Eichenholztafel gemalt.
Wer das Paar ist, wird seit Langem diskutiert. Der Mann wird meist als Giovanni di Nicolao Arnolfini identifiziert. Seine Frau Costanza Trenta starb vermutlich schon vor 1434, die Frau könnte also eine spätere Ehefrau sein oder ein Gedenkporträt. Ein anderer Giovanni Arnolfini heiratete erst 1447, nachdem das Gemälde fertig war. Die Frage ist weiterhin nicht entschieden.
Das Paar steht in einem Zimmer mit einem roten Bett. Der Mann hebt seine rechte Hand, und die Frau legt ihre Hand in seine. Sie trägt ein grünes Kleid mit Pelz und hält den Stoff vor dem Bauch hoch. Das wurde lange als Schwangerschaft gedeutet, doch viele Forscher meinen, es sei die Mode der Zeit. Im Leuchter brennt mitten am Tag eine einzige Kerze. Auf dem Boden steht ein kleiner Hund, und Holzschuhe liegen in der Ecke. Die Orangen im Fenster waren ein teures Importgut.
Der runde Spiegel an der Rückwand ist von zehn kleinen Bildern aus der Passion Christi umgeben. Im Spiegel sieht man den Raum von hinten und zwei Gestalten in der Türöffnung. Eine von ihnen könnte der Maler selbst sein. Neben dem Spiegel hängt ein Rosenkranz aus Glas, und am Bettpfosten befindet sich eine kleine geschnitzte Heiligenfigur, vermutlich die heilige Margareta, die Schutzpatronin der Gebärenden. Der Spiegel ist so exakt gemalt, dass seine konvexe Form den Raum so verzerrt wie ein wirklicher Spiegel.
Van Eyck baute die Farbe in vielen dünnen, durchscheinenden Schichten von Ölfarbe auf. Das verleiht Tiefe und Leuchtkraft und lässt Oberflächen wie Pelz, Metall und Glas wirklich erscheinen. Infrarotuntersuchungen haben gezeigt, dass er während der Arbeit Details änderte, unter anderem die Lage der Hände.
Der Kunsthistoriker Erwin Panofsky deutete das Gemälde 1934 als bildlichen Beweis für eine Eheschließung, in dem jedes Objekt eine verborgene symbolische Bedeutung hatte. Die Deutung war lange sehr einflussreich, wurde seither aber infrage gestellt. Heute sehen viele das Gemälde als Doppelporträt, das den Reichtum und die Stellung des Paares zeigt, vielleicht mit einer Art rechtlicher oder religiöser Bedeutung.
Das Gemälde gehörte mehreren Fürsten, darunter Margarete von Österreich und dem spanischen Königshaus. Nach der Schlacht von Vitoria 1813 gelangte es nach England, und 1842 wurde es von der National Gallery in London erworben. Es hatte große Bedeutung für die englischen Präraffaeliten. Heute ist es eines der bekanntesten Gemälde der frühen niederländischen Malerei. Pelz, Messing und das Glas des Spiegels sind zu Musterbeispielen dessen geworden, was die Ölmalerei vermag.