Reisende zwischen Bergen und Bächen

Reisende zwischen Bergen und Bächen, Fan Kuan
Fan Kuan, Public domain

Ein gewaltiger Berg ragt auf, und ganz unten zieht eine kleine Karawane vorbei. Das Bild gehört zu den meistbewunderten der chinesischen Kunst.

Finde die Reisenden – sie sind kaum zu erkennen. Der Mensch ist klein in der Natur.

Fan Kuan war um das Jahr 1000 tätig, unter der Nördlichen Song-Dynastie. Über sein Leben ist sehr wenig bekannt. Späteren Quellen zufolge war er ein eigenwilliger Mensch, der sich in die Berge zurückzog, um die Natur unmittelbar zu studieren, statt ältere Meister zu kopieren. „Reisende zwischen Bergen und Bächen“ ist das einzige Werk, das ihm mit großer Sicherheit zugeschrieben wird. Es gehört dem Nationalen Palastmuseum in Taipeh.

Das Bild ist eine Hängerolle, etwa zwei Meter hoch und einen Meter breit. Es wird von einem gewaltigen Berg beherrscht, der sich in der Mitte erhebt und fast zwei Drittel des Bildes ausfüllt. Ein schmaler Wasserfall stürzt an der rechten Seite des Berges herab. Im Vordergrund liegen große Felsblöcke und stehen Bäume. Unten rechts zieht eine kleine Karawane aus Maultieren und Menschen vorbei. Zwischen den Bäumen auf einem Felsen rechts zeichnen sich die Dächer eines Tempels ab.

Die Komposition gliedert sich in drei Zonen: den Vordergrund mit Steinen und Weg, den Mittelgrund mit Bäumen und Nebel und den Hintergrund mit dem hohen Berg. Der Nebel zwischen Mittelgrund und Berg lässt den Berg schweben und sehr weit entfernt wirken, während er sich zugleich unmittelbar vor dem Betrachter auftürmt. Die Reisenden sind sehr klein, was den Platz des Menschen in der gewaltigen Landschaft zeigt.

Fan Kuan malte mit Tusche und leichter Farbe auf Seide. Die Oberfläche des Berges ist aus Tausenden kleiner, kurzer Pinselstriche aufgebaut, manchmal Regentropfenstriche genannt, die den Eindruck von Stein und Struktur erzeugen. Die Konturen sind kräftig, und die dunklen Partien verleihen Tiefe. Die Seide ist mit der Zeit nachgedunkelt, sodass das Bild heute brauner aussieht als ursprünglich.

Das Bild wurde im Licht der chinesischen Philosophie gedeutet. Die Landschaft wurde als Abbild der Ordnung des Kosmos verstanden, in der der Berg für etwas Großes und Unveränderliches stehen kann. Die monumentale Landschaftsmalerei der Nördlichen Song-Zeit drückte das Ideal aus, dass der Mensch in Harmonie mit der Natur leben solle.

Viele Jahre lang war unklar, ob das Gemälde wirklich von Fan Kuan stammt. 1958 entdeckte ein Forscher seine Signatur, versteckt zwischen dem Laub in der unteren rechten Ecke, was die Zuschreibung stärkte. Das Gemälde trägt Siegel vieler Sammler und eine spätere Inschrift des Künstlers Dong Qichang. Es gehörte zu den kaiserlichen Sammlungen und wurde im Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg Ende der 1940er-Jahre nach Taiwan gebracht.

„Reisende zwischen Bergen und Bächen“ gilt als eines der Hauptwerke der chinesischen Landschaftsmalerei. Es hat Generationen von Malern beeinflusst. Da die Seide empfindlich ist, wird es nur für kurze Zeit gezeigt. Es ist zu einem Symbol der monumentalen Landschaftstradition geworden.