Genji monogatari emaki

Genji monogatari emaki
Imperial court in Kyoto, Public domain

Die Erzählrollen illustrieren Murasaki Shikibus Roman über Prinz Genji. Durch abgehobene Dächer blicken wir hinab in die Räume.

Die Gesichter sind fast gleich – ein Strich für die Augen, ein Haken für die Nase. Die Gefühle zeigen sich in den Räumen und den Farben.

Genji monogatari, die Geschichte vom Prinzen Genji, wurde zu Beginn des 11. Jahrhunderts von der Hofdame Murasaki Shikibu verfasst. Sie gilt oft als einer der ersten Romane der Welt. Sie handelt von einem Kaisersohn, Genji, und seinen Liebschaften und seinem Leben am Hof von Heian-kyō, dem heutigen Kyōto. Im 12. Jahrhundert entstanden illustrierte Rollen zu der Erzählung. Das älteste erhaltene Beispiel ist das Genji monogatari emaki, ein Nationalschatz Japans.

Die Rollen bestehen aus abwechselnden Textabschnitten und Bildern. Der Text ist in eleganter Kalligrafie auf Papier geschrieben, das mit Gold und Silber verziert ist. Von den ursprünglichen Rollen ist nur ein Teil erhalten, etwa zwanzig Bilder. Die meisten befinden sich im Tokugawa-Museum in Nagoya, einige im Gotoh-Museum in Tokio. Zur Bewahrung wurden die Rollen aufgeteilt und einzeln montiert. Lange wurden sie dem Hofmaler Fujiwara no Takayoshi zugeschrieben, doch diese Angabe ist unsicher. Die meisten Forscher glauben, dass mehrere Maler und Kalligrafen daran arbeiteten.

Die Bilder zeigen das Leben bei Hof in Innenräumen. Wir sehen die Räume von oben, durch eine Technik, bei der Dach und Wände abgehoben sind, fukinuki yatai, was in etwa „abgeblasenes Dach“ bedeutet. Die Figuren sitzen in Räumen mit Wandschirmen und Vorhängen, oft in langen, vielschichtigen Gewändern. In einer bekannten Szene hält Genji ein neugeborenes Kind, das nicht sein eigenes ist, und das Gefühl von Trauer und Schuld durchdringt das ganze Bild.

Die Gesichter sind nach einer Konvention gezeichnet, die hikime kagibana heißt: Die Augen sind nur ein Strich und die Nase ein kleiner Haken. Die Gesichter drücken die Gefühle daher nicht unmittelbar aus. Stattdessen entsteht die Stimmung durch die Anordnung der Figuren, die Gewänder, die Farben und die schrägen Linien der Architektur. Die Diagonalen erzeugen oft ein Gefühl von Unruhe oder Beklemmung.

Die Bilder sind in einer Technik gemalt, die tsukuri-e heißt. Zuerst wurden die Konturen mit Tusche gezeichnet, dann dicke Schichten von Mineralfarben aufgetragen, und zuletzt wurden Details und Konturen erneut nachgezeichnet. Die Farben sind mit der Zeit verblasst und abgeblättert, sodass die Bilder heute gedämpfter wirken als ursprünglich.

Die Rollen wurden als Ausdruck der Ästhetik der Heian-Zeit gedeutet, in der der Begriff mono no aware, ein Gespür für das Vergängliche, zentral war. Die Bilder zeigen keine dramatischen Ereignisse, sondern stille, gefühlsgeladene Augenblicke. Man soll die Bilder also zusammen mit dem Text lesen.

Das Genji monogatari emaki ist eine der wichtigsten Quellen für die Kenntnis der japanischen Erzählkunst und des Hoflebens der Heian-Zeit. Die Rollen werden nur für kurze Zeit gezeigt, da sie lichtempfindlich sind. Forscher haben die ursprünglichen Farben rekonstruiert, die zeigen, wie kräftig und leuchtend die Bilder einst waren.