Laokoon-Gruppe

Der Priester Laokoon und seine Söhne werden von Seeschlangen erwürgt. Die Gruppe wurde 1506 in Rom ausgegraben und war sofort berühmt – Michelangelo war bei der Auffindung dabei.
Gesicht und angespannte Muskeln zeigen Schmerz; der Hellenismus wollte Gefühle wecken, nicht nur Ideale zeigen.
Die Skulpturengruppe wurde im Januar 1506 in einem Weinberg auf dem Esquilin in Rom ausgegraben. Papst Julius II. schickte den Architekten Giuliano da Sangallo, um den Fund zu begutachten, und Michelangelo begleitete ihn. Sangallo erkannte das Werk sofort aus einer Beschreibung des römischen Schriftstellers Plinius des Älteren wieder. Plinius schrieb, die Gruppe habe im Palast des Kaisers Titus gestanden und stamme von drei Bildhauern aus Rhodos: Hagesandros, Polydoros und Athanodoros. Der Besitzer des Weinbergs hieß Felice de Fredis. Die Gruppe hatte fast tausend Jahre lang in Ruinen begraben gelegen.
Das Motiv stammt aus der Erzählung vom Fall Trojas. Der Priester Laokoon warnte die Trojaner vor dem hölzernen Pferd, das die Griechen zurückgelassen hatten. Als Strafe schickten die Götter zwei Seeschlangen, die ihn und seine beiden Söhne angriffen. Die bekannteste Fassung steht in Vergils Epos „Aeneis“.
Die Gruppe ist pyramidenförmig aufgebaut, mit Laokoon in der Mitte. Sein Körper windet sich im Kampf gegen die Schlange, die Muskeln sind gespannt und der Kopf ist zurückgeworfen. Die Augenbrauen sind hochgezogen und der Mund ist halb geöffnet. Die Söhne zu beiden Seiten sind kleiner als der Vater. Der eine scheint schon aufzugeben, während der andere zu seinem Vater blickt und sich vielleicht befreien kann. Die Windungen der Schlangen verbinden die drei Körper und machen die Gruppe zu einer einzigen Bewegung.
Wann und wie die Gruppe entstand, ist umstritten. Manche Forscher sehen in ihr eine römische Kopie eines griechischen Bronzeoriginals von etwa 200 v. Chr. Andere halten sie für ein Original aus dem ersten Jahrhundert vor oder nach Christus. Plinius schrieb, sie sei aus einem einzigen Block gehauen, tatsächlich besteht sie aber aus mehreren Teilen. Die Frage der Datierung beeinflusst, wie die Gruppe zu verstehen ist: als hellenistisches Meisterwerk oder als römische Auftragsarbeit im griechischen Stil.
Julius II. kaufte die Gruppe und ließ sie im Statuenhof des Belvedere im Vatikan aufstellen. Laokoons rechter Arm fehlte und wurde durch einen ausgestreckten Arm ersetzt. Im Jahr 1906 fand der Archäologe Ludwig Pollak in einer Steinmetzwerkstatt in Rom einen gebeugten Marmorarm. In den 1950er-Jahren stellte man fest, dass er zur Statue gehörte, und setzte ihn wieder an. Zur Zeit Napoleons wurde die Gruppe nach Paris gebracht, nach 1815 aber nach Rom zurückgegeben.
Die Gruppe wurde für die Bildhauer der Renaissance und des Barock bedeutsam, nicht zuletzt für Michelangelo. Im 18. Jahrhundert beschrieb Johann Joachim Winckelmann die griechische Kunst mit Laokoon als Beispiel als „edle Einfalt und stille Größe“. Gotthold Ephraim Lessing ging in seiner Schrift „Laokoon“ von 1766 über den Unterschied zwischen bildender Kunst und Dichtkunst von der Gruppe aus.
Heute steht der Laokoon in den Vatikanischen Museen. Er ist eines der bekanntesten Beispiele dafür, wie ein einziger archäologischer Fund die Entwicklung der Kunst über Jahrhunderte prägen kann. Er wurde oft kopiert, unter anderem in Bronze für den französischen König Franz I.