Büste der Nofretete

Büste der Nofretete
Philip Pikart, CC BY-SA 3.0

Eine Porträtbüste der Königin Nofretete, Gemahlin des Pharaos Echnaton, gefunden in der Werkstatt des Bildhauers Thutmosis in Amarna. In der Amarnazeit wurde die ägyptische Kunst für kurze Zeit weicher und naturnäher.

Die Symmetrie ist fast perfekt – bis auf das linke Auge, das nie seine Einlage erhielt.

Die Büste wurde am 6. Dezember 1912 von einer deutschen Grabung unter Leitung des Archäologen Ludwig Borchardt gefunden. Sie lag in den Ruinen der Werkstatt des Bildhauers Thutmosis in Amarna, der von Pharao Echnaton gegründeten Hauptstadt. Der Fund wurde auf etwa 1345 v. Chr. datiert. In der Werkstatt fanden sich auch Gipsgesichter und andere Skulpturen, die Büste war also wohl ein Meistermodell, an dem sich andere Porträts orientieren konnten. Laut Borchardts Tagebuch lag sie mit dem Gesicht nach unten im Schutt, und er schrieb, sie lasse sich nicht beschreiben, man müsse sie sehen.

Nofretete war Echnatons große königliche Gemahlin. Unter seiner Herrschaft wurde vor allem ein Gott verehrt, die Sonnenscheibe Aton. Die Kunst veränderte sich: Körper und Gesichter erhielten weichere, persönlichere Züge als in der streng formalisierten ägyptischen Kunst. Nach Echnatons Tod wurde Amarna aufgegeben und seine Reformen wurden rückgängig gemacht. Nofretete erscheint in der Amarnakunst oft zusammen mit dem König und ihren Töchtern unter den Strahlen der Sonnenscheibe. Sie wird als mächtige Gestalt dargestellt, nicht nur als Frau des Königs.

Die Büste ist knapp fünfzig Zentimeter hoch. Die Königin trägt eine hohe, flache blaue Krone mit einem Goldband. Vorn saß eine Uräusschlange, die heute abgebrochen ist. Um den Hals liegt ein breiter Kragen in Rot, Grün und Blau. Das Gesicht hat hohe Wangenknochen, eine schmale Nase und deutlich gezeichnete Augenbrauen. Das rechte Auge hat eine Einlage aus Quarz mit schwarzer Pupille, das linke dagegen keine. Warum, weiß niemand sicher. Der leicht nach hinten geneigte, lange Hals trägt die schwere Krone. Das Gesicht ist nahezu vollständig symmetrisch.

Der Kern besteht aus Kalkstein und ist mit Gipsschichten überzogen, die anschließend bemalt wurden. Computertomografien haben gezeigt, dass der Kalksteinkern ein etwas anderes Gesicht mit kleinen Falten und Furchen hat. Die Gipsschichten glichen diese aus und verliehen der Büste ihren idealisierten Ausdruck. Die Farben sind ungewöhnlich gut erhalten.

Die Büste kam durch die damals übliche Fundteilung zwischen Ägypten und den Ausgräbern nach Berlin. Finanziert wurde sie vom Geschäftsmann James Simon. Ob die ägyptischen Behörden ein zutreffendes Bild des Objekts erhielten, ist umstritten. Der Öffentlichkeit wurde die Büste erst 1924 gezeigt. Seither hat Ägypten mehrfach ihre Rückgabe gefordert, doch Deutschland lehnte ab. In den 1930er-Jahren wurde kurzzeitig eine Rückgabe erwogen, aber gestoppt.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Büste in Bunkern und Bergwerken versteckt. Nach dem Krieg geriet sie in die Hände amerikanischer Truppen und wurde später nach West-Berlin gebracht. Seit 2009 ist sie im Neuen Museum auf der Museumsinsel zu sehen, wo sie einen eigenen Saal hat.

Die Büste der Nofretete ist zu einer Ikone der Schönheit und des Alten Ägypten geworden. Sie erscheint auf Briefmarken, Plakaten und in der Werbung. Zugleich ist sie eines der bekanntesten Beispiele in der Debatte darüber, wohin Kulturerbe gehört und wie mit Objekten umzugehen ist, die in der Kolonialzeit aus ihren Herkunftsländern fortgebracht wurden.