Olympia

Eine Prostituierte blickt kühl auf den Betrachter, als wären wir ihr nächster Kunde. Manet nahm Tizians Venus und versetzte sie in das Paris seiner Zeit. Der Skandal war vollkommen.
Flaches Licht und harte Konturen statt weicher Modellierung; die schwarze Katze ersetzt Tizians treuen Hund.
Édouard Manet malte „Olympia“ 1863. Er stellte das Bild 1865 im Salon in Paris aus. Dort löste es einen der größten Skandale der Kunstgeschichte aus. Besucher lachten, verspotteten es und versuchten sogar, das Bild zu beschädigen, und der Salon stellte schließlich Wachen auf und hängte es hoch oben außer Reichweite auf.
Eine nackte Frau liegt auf einem Bett und blickt kühl und direkt auf den Betrachter. Sie trägt eine Orchidee im Haar, ein schwarzes Band um den Hals, ein Armband und einen einzelnen Pantoffel am Fuß. Ihre Hand ruht im Schoß. Hinter ihr steht eine schwarze Dienerin, die einen großen Blumenstrauß hinhält, vermutlich von einem Kunden. Am Fußende des Bettes steht eine schwarze Katze mit aufgerichtetem Schwanz. Laken und Kissen sind weiß und knitterig, und der Schal, auf dem sie liegt, hat ein Blumenmuster.
Das Bild baut bewusst auf Tizians „Venus von Urbino“ auf, die Manet in Florenz kopiert hatte. Doch während Tizians Frau eine Göttin oder eine Braut ist, ist Manets Frau eine Prostituierte im Paris der Gegenwart. Der Name Olympia war unter Kurtisanen verbreitet. Tizians schlafender Hund, ein Symbol der Treue, ist durch eine schwarze Katze ersetzt, die mit Sexualität und Unglück verbunden wurde.
Modell der Frau war Victorine Meurent, die Manet mehrfach malte und die später selbst Malerin wurde. Das Modell der Dienerin hieß Laure. Sie wurde in der Kunstgeschichte lange übersehen, hat aber in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit erhalten, unter anderem in der Ausstellung „Das schwarze Modell“ in Paris 2019.
Ebenso provozierend wie das Motiv war die Malweise. Manet verwendete ein flaches, frontales Licht, das die weiche Modellierung beseitigt. Der Körper ist hell und hat klare Konturen. Der Kontrast zum dunklen Hintergrund ist scharf. Die Kritiker fanden, der Körper sehe schmutzig und flach aus. Doch Manets Malerei wies auf eine neue Kunst voraus, in der die Oberfläche und die Farbe des Gemäldes wichtiger wurden als die Illusion. Die Pinselstriche sind breit und sichtbar, und Manet vereinfachte die Formen auf eine Weise, die viele als nachlässig empfanden.
Das Bild blieb unverkauft. Nach Manets Tod organisierte Claude Monet 1890 eine Spendensammlung, um es zu kaufen und dem französischen Staat zu schenken. Es wurde zuerst im Musée du Luxembourg gezeigt und kam 1907 in den Louvre. Seit 1986 hängt es im Musée d’Orsay in Paris.
Der Schriftsteller Émile Zola verteidigte Manet und nannte ihn einen der großen Maler der Zukunft. Heute gilt „Olympia“ als eines der ersten Bilder der Moderne. Es zeigt, wie die Kunst den Blick des Betrachters herausfordern und Idealbilder infrage stellen konnte. Künstler wie Cézanne, Picasso und viele zeitgenössische Künstler haben eigene Versionen des Bildes geschaffen. Das Bild wurde auch unter Gesichtspunkten wie Geschlecht, Klasse und Hautfarbe diskutiert und ist ein wiederkehrendes Beispiel im Unterricht über die Blicke der Kunst.