Ein Begräbnis in Ornans

Ein gewöhnliches Begräbnis in Courbets Heimatdorf, in einem Format, das zuvor der Historienmalerei vorbehalten war. Die Kritiker tobten: Warum einfache Bauern so groß darstellen?
Niemand blickt zum Grab, und es geschieht kein Wunder – nur Menschen in Schwarz unter einem grauen Himmel.
Gustave Courbet stammte aus Ornans, einer kleinen Stadt in der Franche-Comté im Osten Frankreichs. „Ein Begräbnis in Ornans“ malte er 1849–1850 in einem Dachatelier in seinem Elternhaus. Die Leinwand ist etwa sieben Meter breit und über drei Meter hoch, so groß, dass er das ganze Bild während der Arbeit kaum auf einmal überblicken konnte. Er zeigte es im Salon in Paris im Winter 1850–1851.
Das Bild zeigt ein Begräbnis auf dem neuen Friedhof der Stadt. Etwa fünfzig Personen stehen in einer langen Reihe vor einer Landschaft mit Kalksteinfelsen. Links tragen die Männer den Sarg, und einer hält ein Kruzifix hoch. In der Mitte steht der Pfarrer und liest, umgeben von Kirchendienern in roten Gewändern. Ein Totengräber kniet am offenen Grab, und am Rand liegt ein Totenschädel. Im Vordergrund steht ein Hund. Rechts stehen die Frauen in Schwarz, mit Taschentüchern vor den Gesichtern.
Courbet nahm Einwohner von Ornans als Modelle, darunter den Bürgermeister, den Pfarrer, Freunde sowie seinen eigenen Vater und seine Schwestern. Wer begraben wird, ist nicht angegeben. Es wurde vermutet, das Bild beziehe sich auf das Begräbnis von Courbets Großonkel, doch das ist unsicher. Courbet wollte keine Geschichte erzählen, sondern ein gewöhnliches Ereignis in einer gewöhnlichen Stadt zeigen.
Die Komposition ist fast vollständig horizontal, wie ein Fries. Keine Gestalt dominiert, und die Blicke richten sich in verschiedene Richtungen. Kein Himmel öffnet sich, und keine heilige Gestalt erscheint. Die Farben sind dunkel, mit Schwarz, Grau und Braun und nur wenigen roten und weißen Flächen. Der graue Himmel liegt schwer über den Menschen. Die Figuren sind in Lebensgröße gemalt, und der Betrachter steht fast wie einer der Trauernden am Grab.
Das große Format war damals der Historienmalerei vorbehalten: biblischen, mythologischen und historischen Szenen. Einem provinziellen Begräbnis mit einfachen Bauern und Bürgern dieselbe Größe zu geben, wurde als Provokation empfunden. Die Kritiker nannten das Bild hässlich und vulgär, und manche sahen darin eine politische, sozialistische Botschaft. Andere verteidigten es als neue, ehrliche Kunst.
„Ein Begräbnis in Ornans“ wurde zu einem der Manifeste des Realismus. Als das Bild auf der Weltausstellung in Paris 1855 abgelehnt wurde, zeigte Courbet es zusammen mit anderen Werken in einem eigenen Pavillon, den er Pavillon des Realismus nannte. Es war eines der ersten Beispiele dafür, dass ein Künstler aus Protest gegen die offiziellen Institutionen selbst eine Ausstellung organisierte.
Nach Courbets Tod schenkte seine Schwester Juliette das Gemälde dem französischen Staat. Es hing im Louvre und wurde 1986 in das neue Musée d’Orsay in Paris überführt. Heute gilt es als Wendepunkt der Kunstgeschichte, als ein Bild, das die Malerei für gewöhnliche Menschen und Ereignisse öffnete und den Weg für spätere Generationen von Realisten und Impressionisten bahnte.