Der Steingarten des Ryōan-ji

Der Steingarten des Ryōan-ji
DXR, CC BY-SA 4.0

Fünfzehn Steine in geharktem weißem Kies, umgeben von einer niedrigen Lehmmauer. Von keinem Platz aus sind je alle fünfzehn gleichzeitig zu sehen.

Der Kies ist in Linien geharkt wie Wasser – der Garten ist eine Landschaft ohne Wasser.

Der Ryōan-ji ist ein Zen-Tempel im Nordwesten von Kyōto. Er wurde 1450 vom Kriegsherrn Hosokawa Katsumoto gegründet. Der Tempel wurde im Ōnin-Krieg zerstört, einem Bürgerkrieg, der Kyōto verheerte, und Ende des 15. Jahrhunderts wiederaufgebaut. Wann genau der Steingarten angelegt wurde, weiß man nicht. Meist wird er auf das Ende des 15. oder den Anfang des 16. Jahrhunderts datiert, doch auch spätere Datierungen wurden vorgeschlagen. Wer ihn schuf, ist unbekannt. Der Name Ryōan-ji bedeutet in etwa „Tempel des friedlichen Drachen“.

Der Garten ist ein Rechteck von etwa 25 × 10 Metern. Er besteht aus fünfzehn Steinen, die in fünf Gruppen in weißem Kies angeordnet sind. Um die Steine wächst Moos. Der Kies wird in geraden Linien entlang des Gartens und in Ringen um die Steine geharkt. An zwei Seiten ist der Garten von einer niedrigen Lehmmauer umgeben, hinter der Bäume zu sehen sind. Auf einem der Steine sind zwei Namen eingeritzt, die wahrscheinlich Arbeitern gehörten, die an der Anlage des Gartens beteiligt waren.

Der Garten wird von einer hölzernen Veranda am Tempelgebäude aus betrachtet. Die Steine sind so angeordnet, dass man von der Veranda aus nie alle fünfzehn gleichzeitig sehen kann. Irgendein Stein wird immer von einem anderen verdeckt. Die Gruppen sind unterschiedlich groß und haben unterschiedliche Abstände, sodass der Garten zugleich geordnet und unberechenbar wirkt.

Der Garten ist ein Karesansui, ein Trockenlandschaftsgarten. Der Kies lässt sich als Wasser auffassen, die Steine als Inseln oder Berge. Der Lehm der Mauer wurde der Überlieferung nach in Öl gekocht, und im Lauf der Jahre hat das Öl der Mauer fleckige Muster in Braun und Ocker verliehen. Der Garten wird von den Mönchen gepflegt, die den Kies regelmäßig harken.

Es gibt viele Deutungen. Manche sehen Inseln in einem Meer, andere eine Tigerin, die ihre Jungen über einen Fluss trägt. Wieder andere meinen, der Garten stelle gar nichts dar, sondern solle der Meditation dienen. Der Zen-Buddhismus betont, die Wirklichkeit durch unmittelbare Erfahrung zu erfassen, und der Garten kann als Werkzeug dafür gesehen werden. Keine Deutung ist sicher, und vielleicht liegt genau darin der Sinn.

Im 20. Jahrhundert wurde der Garten weltberühmt. Westliche Künstler und Architekten haben in ihm ein Vorbild für Minimalismus und abstrakte Kunst gesehen. Königin Elisabeth II. besuchte den Tempel 1975 und äußerte ihre Bewunderung für den Garten, was große Aufmerksamkeit erregte. Forscher haben auch untersucht, wie die Anordnung der Steine die Wahrnehmung des Betrachters beeinflusst.

Der Ryōan-ji gehört zum Welterbe „Historische Denkmäler des alten Kyōto“. Der Garten wird täglich von vielen Menschen besucht. An vielen Orten der Welt wurde er nachgebildet. Er ist eines der bekanntesten Beispiele japanischer Gartenkunst und dafür, wie wenige Elemente ein starkes Erlebnis schaffen können.