Die Tanzstunde

Junge Balletttänzerinnen warten, kratzen sich und richten ihre Röcke, während der Lehrer den Unterricht leitet. Degas fängt den Augenblick zwischen den Vorstellungen ein.
Der Ausschnitt ist schräg und angeschnitten wie in einer Fotografie – neu und modern in den 1870er-Jahren.
Edgar Degas malte Balletttänzerinnen in Hunderten von Bildern, Zeichnungen und Skulpturen. Er hatte Zutritt zu den Probensälen der Pariser Oper und studierte die Tänzerinnen bei Unterricht und Proben. „Die Tanzstunde“ gibt es in mehreren Fassungen. Die Fassung im Musée d’Orsay entstand 1873–1876. Sie wurde vom Opernsänger Jean-Baptiste Faure in Auftrag gegeben. Er war fasziniert von Bewegung und von Körpern bei der Arbeit.
Das Bild zeigt einen großen Saal mit hohen Wänden und Spiegeln. In der Mitte steht der alte Ballettmeister Jules Perrot, auf einen Stock gestützt, und leitet den Unterricht. Eine junge Tänzerin vor ihm führt einen Schritt aus. Ringsum stehen und sitzen weitere Tänzerinnen. Sie warten, richten ihre Röcke, wedeln mit Fächern oder kratzen sich. Ganz hinten sitzen einige Mütter, die ihre Töchter begleiten. Perrot war ein berühmter Tänzer und Choreograf, der an der Oper unterrichtete.
Links sitzt eine Tänzerin auf einem Klavier und kratzt sich am Rücken. Im Vordergrund ist eine grüne Gießkanne zu sehen, mit der der Boden befeuchtet wurde. Degas fängt alltägliche Gesten ein, nicht nur die Eleganz des Tanzes. Er zeigt die Tänzerinnen als arbeitende junge Frauen, ebenso oft müde und gelangweilt wie elegant. Die Details sind zahlreich, und der Blick wandert durch den Raum, als stünden wir selbst im Saal und sähen zu.
Die Komposition ist ungewöhnlich. Der Boden nimmt viel Raum ein, und die Perspektive ist geneigt. Die Figuren sind asymmetrisch platziert, und einige werden vom Bildrand angeschnitten. Das erinnert an Fotografien und japanische Holzschnitte, die Degas und seine Zeitgenossen sammelten und bewunderten. Der Raum öffnet sich diagonal nach hinten, und die Dielen des Bodens verstärken die Tiefe.
Die alte Oper in der Rue Le Peletier wurde 1873 bei einem Brand zerstört. Degas malte den Saal weiter aus dem Gedächtnis und mithilfe von Skizzen. Seine Tanzbilder sind also keine direkten Momentaufnahmen, auch wenn sie so aussehen. Er komponierte sie sorgfältig im Atelier, oft aus Figuren, die er zu verschiedenen Zeiten gezeichnet hatte. Es ist eine konstruierte Wirklichkeit.
Degas zählte sich ungern zu den Impressionisten und nannte sich lieber Realist. Dennoch nahm er an fast allen Ausstellungen der Gruppe teil. „Die Tanzstunde“ wurde auf der zweiten Impressionistenausstellung 1876 gezeigt. Später kam sie durch eine Schenkung des Sammlers Isaac de Camondo in den Louvre und wurde 1986 in das Musée d’Orsay überführt. Er arbeitete gern in Pastell, und viele seiner Tanzbilder sind in dieser Technik ausgeführt.
Degas’ Tanzbilder wurden sehr beliebt und haben das Bild des Balletts geprägt. Zugleich sind sie kritisch diskutiert worden, da die jungen Tänzerinnen oft unter schwierigen Bedingungen lebten und der Aufmerksamkeit reicher Männer ausgesetzt waren. Das Bild lässt sich also sowohl als Hommage an den Tanz als auch als Schilderung harter Arbeit lesen.