Die Berufung des Matthäus

Jesus zeigt auf den Zöllner Matthäus in einer dunklen Schenke. Ein scharfes Licht fällt schräg von rechts ein. Caravaggio macht aus einer heiligen Geschichte eine Szene mit gewöhnlichen, zeitgenössischen Menschen.
Das Licht folgt Jesu zeigender Hand – Chiaroscuro als erzählerischer Kunstgriff.
Das Gemälde befindet sich in der Contarelli-Kapelle in der Kirche San Luigi dei Francesi, der Nationalkirche der Franzosen in Rom. Die Kapelle war vom französischen Kardinal Matthieu Cointrel erworben worden, der 1585 starb. Sein Testament verlangte Bilder aus dem Leben des Apostels Matthäus. Der Auftrag ging 1599 an Caravaggio, vermutlich dank seines Förderers Kardinal Francesco Del Monte. Es war Caravaggios erster großer öffentlicher Auftrag.
Caravaggio malte zwei große Bilder für die Seitenwände der Kapelle: die Berufung des Matthäus und das Martyrium des Matthäus. Sie wurden 1600 gezeigt und erregten großes Aufsehen. Das Altarbild, Matthäus und der Engel, entstand etwas später. Die erste Fassung wurde abgelehnt und ging 1945 in Berlin zugrunde.
Das Bild zeigt, wie Jesus den Zöllner Matthäus ruft, ihm zu folgen. Matthäus und seine Gefährten sitzen an einem Tisch in einem halbdunklen Raum und zählen Geld. Sie tragen zeitgenössische Kleidung mit Federhüten und Schwertern. Jesus steht rechts, fast verdeckt hinter Petrus. Er zeigt mit einer Hand, die an die Hand Adams in Michelangelos Deckenmalerei erinnert. Tisch, Bank und Fenster sind einfach und alltäglich. Der Raum erinnert mehr an eine Schenke oder ein Büro als an einen heiligen Ort.
Wer Matthäus ist, ist tatsächlich umstritten. Lange hielt man den bärtigen Mann in der Mitte dafür, der auf sich selbst zeigt, als fragte er: „Meinst du mich?“. Manche Forscher meinen stattdessen, dass er auf den jungen Mann ganz links zeigt, der sich über das Geld beugt und nicht aufblickt. Die Frage ist nicht entschieden.
Ein scharfes Licht fällt von rechts über Jesus ein und beleuchtet die Gesichter am Tisch. Es kommt nicht vom Fenster im Bild, sondern aus einer unsichtbaren Quelle. Der Kontrast zwischen tiefer Dunkelheit und grellem Licht wird Chiaroscuro genannt. Bei Caravaggio wird das Licht zum Bild für Gottes Gnade, die in einen dunklen Raum dringt. Der Lichtstrahl verläuft parallel zu Jesu Arm und scheint seinen Ruf zu Matthäus zu tragen.
Röntgenuntersuchungen zeigen, dass Caravaggio die Komposition während der Arbeit änderte. Petrus kam vermutlich spät hinzu. Caravaggio malte direkt auf die Leinwand ohne umfangreiche vorbereitende Zeichnungen und verwendete oft wirkliche Menschen als Modelle. Er war bekannt dafür, schnell zu arbeiten, und für ein gewalttätiges Leben, das ihn oft mit dem Gesetz in Konflikt brachte.
Das Bild hatte große Wirkung. Junge Maler aus ganz Europa kamen nach Rom, um es zu sehen, und es entstand eine ganze Bewegung, der Caravaggismus. Sein Einfluss zeigt sich bei Künstlern wie Rembrandt, Velázquez und Georges de La Tour. Das Gemälde hängt noch immer an seinem ursprünglichen Platz und kann von Besuchern in der Kirche gesehen werden. Heute zahlen Besucher eine kleine Gebühr, um die Kapelle für eine Weile zu beleuchten.