Die Fighting Temeraire

Ein altes Segelschiff aus der Schlacht von Trafalgar wird von einem kleinen Dampfboot zum Abwracken geschleppt. Die Sonne geht unter. Turner malt den Abschied von einer Epoche.
Das Schiff ist blass wie ein Geist; der dunkle Schleppdampfer und der Sonnenuntergang tragen die Farbe.
Die HMS Temeraire war ein großes britisches Linienschiff mit 98 Kanonen. In der Schlacht von Trafalgar 1805 kam sie dem Flaggschiff Admiral Nelsons, der Victory, zu Hilfe und trug zum Sieg bei. 1838 wurde das Schiff verkauft und die Themse hinauf zum Abwracken geschleppt. Turner stellte das Gemälde 1839 in der Royal Academy aus. Das Schiff hatte nach der Schlacht im Volksmund den Namen „Fighting Temeraire“ erhalten und war zum Symbol der Blütezeit der britischen Flotte geworden.
Der vollständige Titel lautet etwa „Die Fighting Temeraire, auf ihren letzten Liegeplatz geschleppt, um abgewrackt zu werden, 1838“. Das Schiff gleitet blass und geisterhaft voran, fast durchscheinend. Vor ihm tuckert ein kleiner, dunkler Dampfschlepper mit Rauch aus dem Schornstein. Rechts geht die Sonne in einem gewaltigen Ausbruch von Orange, Rot und Gelb unter. Links steigt ein bleicher Mond auf. Es ist, als wäre das Schiff bereits eine Erinnerung.
Turner nahm sich Freiheiten gegenüber der Wirklichkeit. Masten und Segel des Schiffes waren beim Schleppen bereits abgebaut, doch Turner malte es mit Masten. Auch Licht und Tageszeit sind der Stimmung zuliebe gewählt und nicht, um genau zu sein. Ob Turner den Schleppvorgang tatsächlich sah, ist unsicher. Das Gemälde ist also als poetische Deutung zu verstehen und nicht als Reportage.
Die Komposition stellt zwei Pole einander gegenüber. Links finden sich Kälte, Blässe und das alte Schiff. Rechts Wärme, Farbe und der Sonnenuntergang. Das kleine Dampfboot wurde oft als die neue Zeit der Industrie gedeutet, die die Epoche des Segels und der heroischen Geschichte ablöst. Der Sonnenuntergang verstärkt das Gefühl des Abschieds. Die glatte Wasseroberfläche spiegelt sowohl das Schiff als auch den Himmel, und die Ruhe des Wassers verstärkt den feierlichen Eindruck.
Turner arbeitete mit Öl auf Leinwand und wechselte zwischen dünnen, durchscheinenden Schichten und dicker Farbe. Die Sonne und der Himmel um sie sind mit kräftiger, pastoser Farbe gemalt, während das Schiff fast lasierend in dünnen Schichten angelegt ist. Turners später Stil mit lockeren Formen und starkem Licht weist auf den Impressionismus voraus. Er war dafür bekannt, die Regeln der Akademie zu überschreiten, und rief sowohl Bewunderung als auch Kritik hervor.
Turner verkaufte das Gemälde nie. Als er 1851 starb, vermachte er es zusammen mit Hunderten anderer Werke dem britischen Staat. Heute hängt es in der National Gallery in London. Das Testament führte dazu, dass sich ein sehr großer Teil seines Lebenswerks heute in öffentlichen Sammlungen in London befindet, vor allem in der National Gallery und der Tate Britain.
2005 wurde das Gemälde in einer von der BBC veranstalteten Abstimmung zum größten Gemälde Großbritanniens gewählt. Seit 2020 ist es auf der Rückseite der britischen Zwanzig-Pfund-Note zusammen mit Turners Selbstporträt abgebildet. Es ist zu einem Symbol für Verlust, Erinnerung und die Veränderungen der Technik geworden.