Braun und die Ulmer Schule

Braun und die Ulmer Schule sind eine deutsche Gestaltungstradition der 1950er- und 1960er-Jahre. Die Hochschule für Gestaltung in Ulm bildete Designer in rationalem, wissenschaftlichem Denken aus, und das Unternehmen Braun gab ihren Ideen Form in Radios, Rasierapparaten und Küchenmaschinen mit klaren Formen, deutlichen Tasten und wenigen Farben.

Fakten

Ein neues Deutschland

Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten viele Deutsche mit der Vergangenheit brechen und eine demokratische, rationale Gesellschaft aufbauen. Die Gestaltung hatte daran ihren Anteil. Die Schule in Ulm wurde 1953 von Inge Scholl, Otl Aicher und Max Bill gegründet und galt als Nachfolgerin des Bauhauses. Bill hatte selbst am Bauhaus studiert und entwarf auch Uhren, siehe Max Bills Uhr. In den Trümmern des Bombenkriegs gab es sowohl den Bedarf als auch die Möglichkeit, ganz von vorn zu beginnen, und Gestaltung wurde als Mittel gesehen, den Alltag einfacher und demokratischer zu machen.

Die Schule legte großen Wert auf Wissenschaft und Methode. Die Studierenden lernten nicht nur zeichnen, sondern auch Semiotik, Ergonomie, Mathematik und Soziologie. Die Idee war, dass Gestaltung keine Kunst des Dekorierens ist, sondern ein Weg, Probleme für Menschen zu lösen. Die Schule wurde 1968 geschlossen, doch ihre Methoden verbreiteten sich über die ganze Welt.

Braun sucht eine neue Form

Max Braun gründete das Unternehmen 1921 in Frankfurt, und nach seinem Tod 1951 übernahmen seine Söhne Artur und Erwin Braun. Sie wollten Braun nach dem Krieg eine neue Identität geben und stellten Fritz Eichler als Designchef ein. Er knüpfte Kontakt nach Ulm und ließ Hans Gugelot und Dieter Rams neue Produkte entwickeln.

Der erste Durchbruch war die Radio-Phono-Kombination SK 4 von 1956, gestaltet von Rams und Gugelot, mit einem Deckel aus klarem Kunststoff, der ihr den Beinamen Schneewittchensarg einbrachte. Sie war schlicht, streng und kam ohne Holzgehäuse aus. Zwei Jahre später folgte das Taschenradio T 3 von Rams, mit einem runden Lautsprecher und sachlichen Tasten. Rams arbeitete außerdem im Team mit Kollegen wie Reinhold Weiss und Dietrich Lubs, und die Gruppe gestaltete gemeinsam viele der bekanntesten Objekte von Braun.

Dieter Rams und die Prinzipien

Dieter Rams kam 1955 zu Braun und wurde 1961 Designchef. Er gestaltete Radios, Lautsprecher, Rasierapparate, Küchenmaschinen und Audioanlagen und prägte einen Stil: glatte Oberflächen, neutrale Farben wie Weiß und Grau und deutliche Tasten, mit kleinen Akzenten in Orange oder Grün. Mehr dazu unter Dieter Rams und im Ratgeber über Dieter Rams und die zehn Prinzipien.

Sein Leitsatz lautete „Weniger, aber besser“. Gutes Design ist nach ihm innovativ, brauchbar, ästhetisch, verständlich, ehrlich, unaufdringlich, langlebig und umweltfreundlich. Die Prinzipien haben das Produktdesign in der ganzen Welt beeinflusst und lassen sich als Gegenpol zu dekorativen Stilen lesen.

Das Erbe

Die Ulmer Schule und Braun beeinflussten auch das Grafikdesign. Die Schule trat für eine klare, sachliche Formensprache mit geraden Schriften anstelle dekorativer ein. Du kannst das im Ratgeber über Helvetica weiterverfolgen, die zur bekanntesten Schrift des Internationalen Stils wurde. In den USA prägten die Ideen von Rams später die Gestaltung von Apple.

Braun gehört in den Funktionalismus, wirkt aber zugleich ruhiger und gedämpfter. Vergleiche mit den weicheren Formen des Mid-Century Modern und ordne es in den Optimismus der Nachkriegszeit ein. Ein Braun-Produkt erkennst du daran, dass alles eine Funktion hat, nichts bloßer Dekor ist und alles an seinem Platz sitzt.

Daran erkennst du ihn

Übung

Was war der Leitsatz von Dieter Rams?