Wie erkennt man einen Chippendale-Stuhl?
Einen Chippendale-Stuhl erkennt man an einem durchbrochenen, oft geschnitzten Rückenbrett, einer Kopfleiste, die in den Ecken nach oben schwingt, und entweder geschwungenen Beinen mit Klauen-und-Kugel-Füßen oder geraden, vierkantigen Beinen. Er besteht meist aus Mahagoni. Der Name geht auf den englischen Tischler Thomas Chippendale zurück, dessen Musterbuch von 1754 den Stil in der ganzen Welt verbreitete.
Fakten
- Epoche: um 1750–1790, mit Kopien bis weit ins 20. Jahrhundert
- Urheber: Thomas Chippendale (1718–1779), Möbeltischler in London
- Musterbuch: The Gentleman and Cabinet-Maker's Director, 1754
- Material: Vor allem Mahagoni, manchmal Nussbaum oder heimische Holzarten
- Varianten: Rokoko, gotischer und chinesischer Chippendale
Thomas Chippendale und das Musterbuch
Thomas Chippendale wurde 1718 in Otley in Yorkshire geboren und betrieb ab den 1750er-Jahren eine große Werkstatt in London. Bekannt ist er nicht dafür, einen Stil erfunden zu haben, sondern dafür, dass er 1754 The Gentleman and Cabinet-Maker's Director herausgab, ein Buch mit gestochenen Entwürfen für Stühle, Kommoden, Bücherschränke, Betten und Spiegel.
Das Buch richtete sich sowohl an Kunden als auch an andere Tischler und erschien 1755 und 1762 in neuen Auflagen. Deshalb wurden Möbel nach seinen Vorlagen in ganz Großbritannien, in den amerikanischen Kolonien und in Skandinavien gefertigt. Wenn man von Chippendale spricht, meint man fast immer den Stil und nicht einen Stuhl aus seiner eigenen Werkstatt. Solche Stühle sind selten und sehr kostbar.
Die Rückenlehne: Rückenbrett und Kopfleiste
Als Erstes solltest du auf die Rückenlehne achten. In ihrer Mitte sitzt ein durchbrochenes Rückenbrett, oft als verschlungene Bänder, als Lyra, als gotische Spitzbögen oder als geometrisches Gitterwerk geschnitzt. Darüber sitzt die Kopfleiste, die in den Ecken häufig wie ein Bogen mit kleinen „Ohren“ nach oben schwingt.
Die Lehne ist breit und offen und sitzt unmittelbar auf der Hinterkante der Sitzfläche. Vergleiche sie mit dem späteren gustavianischen Stuhl, der oft eine ovale oder rechteckige Lehne mit Medaillon oder Stäben hat, und mit dem schlichteren Windsor-Stuhl, dessen Lehne aus gedrechselten Stäben besteht.
Die Beine: Klaue und Kugel oder gerade
Chippendale-Stühle haben zwei Arten von Beinen. Die eine ist das geschwungene Cabriole-Bein, das am Knie ausbuchtet und sich nach unten verjüngt, oft mit geschnitzten Akanthusblättern am Knie und einem Fuß in Gestalt einer Vogelklaue, die eine Kugel umklammert. Die andere Art sind gerade, vierkantige Beine, oft mit einer innen abgefasten Kante und unten durch Stege verbunden.
Der Klauen-und-Kugel-Fuß ist zum Sinnbild des Stils geworden, kommt im Musterbuch selbst aber erstaunlich selten vor; dort haben die meisten Stühle französische Rokokofüße oder gerade Beine. Bei Tischlern in England und Amerika war er dagegen sehr beliebt. Die geraden Beine sind bei Stühlen in der chinesischen Variante üblich.
Rokoko, Gotik und China
Das Musterbuch bot drei Geschmacksrichtungen. Die französische, die wir heute Rokoko nennen, hat geschwungene Linien und Muschelornamente; mehr dazu unter Rokoko, dazu eine Rokoko-Kommode. Die gotische hat Spitzbögen und Vierpässe in der Lehne, angeregt von mittelalterlichen Kirchenfenstern. Die chinesische hat ein Gitterwerk aus rechten Winkeln, das sogenannte Fretwork, und manchmal pagodenförmige Aufsätze.
Die Varianten zeigen die Begeisterung des 18. Jahrhunderts für das Exotische und das Historische. Zur selben Zeit entstanden in Europas Parks chinesische Pavillons und gotische Lustschlösser. In England wird die Epoche oft als georgianisch bezeichnet, nach den Königen Georg I. bis IV.
Echt aus dem 18. Jahrhundert oder spätere Kopie?
Stühle im Chippendale-Stil werden seit den 1750er-Jahren fast ununterbrochen hergestellt, und im späten 19. und im 20. Jahrhundert entstanden große Mengen in Fabrikfertigung. Ein echtes Exemplar aus dem 18. Jahrhundert besteht oft aus massivem Mahagoni mit tiefer Patina, hat handgeschnitzte Details mit kleinen Unregelmäßigkeiten, handgefertigte Zapfen und Abnutzungsspuren dort, wo Hände und Füße im Lauf von zwei Jahrhunderten das Holz abgenutzt haben.
Kopien haben oft Furnier, maschinell geschnitzte und sehr gleichmäßige Details, moderne Schrauben und eine gleichmäßig dunkel gebeizte Oberfläche. Auch englische und amerikanische Tischler interpretierten die Vorlagen um 1760 frei, sodass ein Stuhl echt aus dem 18. Jahrhundert sein kann, ohne einer bestimmten Tafel zu entsprechen. Mehr dazu im Ratgeber zu Möbelstilen in zeitlicher Folge und in der Kategorie Möbel.
Daran erkennst du ihn
- Durchbrochenes, oft geschnitztes Rückenbrett mit Bändern, Lyra oder Gitterwerk
- Kopfleiste, die in den Ecken nach oben schwingt
- Geschwungene Cabriole-Beine mit Klauen-und-Kugel-Füßen oder gerade vierkantige Beine
- Mahagoni mit dunklem, warmem Glanz
- Breite, offene Lehne und breite Sitzfläche
- Details im Stil des Rokoko, der Gotik oder Chinas
Übung
Warum werden so viele Stühle Chippendale genannt, obwohl sie nicht in seiner Werkstatt entstanden?
- Er verkaufte die Rechte an seinem Namen
- Sein Musterbuch von 1754 wurde von Tischlern überall verbreitet und benutzt
- Alle englischen Stühle aus dem 18. Jahrhundert heißen Chippendale