Jugendstil und Art déco – der Unterschied
Der Jugendstil (französisch Art nouveau) war der Stil um die Jahrhundertwende 1900, mit schwingenden Linien, Pflanzen, Insekten und Asymmetrie. Das Art déco löste ihn in den 1920er- und 1930er-Jahren ab, mit geometrischen Formen, Symmetrie, Zickzack, Sonnenstrahlen und glänzenden Materialien wie Chrom und Lack. Der eine holte seine Formen aus der Natur, das andere von der Maschine und der modernen Stadt.
Fakten
- Jugendstil: um 1890–1910
- Art déco: um 1920–1940
- Namen des Jugendstils: Gallé, Tiffany, Lalique, Mucha, Horta, Mackintosh
- Namen des Art déco: Cassandre, Lalique, Ruhlmann, Cartier, Eileen Gray
- Den Namen erhielt das Art déco durch: die Pariser Weltausstellung für dekorative Kunst 1925
Zwei Stile, zwei Zeiten
Der Jugendstil entstand Anfang der 1890er-Jahre als Aufbegehren gegen die Kopien alter Stile im Historismus. Künstler und Designer wollten aus den Formen der Natur etwas völlig Neues schaffen. Seinen Höhepunkt erreichte der Stil auf der Weltausstellung in Paris 1900, und vor dem Ersten Weltkrieg war er im Wesentlichen abgeebbt.
Das Art déco kam nach dem Krieg und spiegelte eine andere Welt: Autos, Flugzeuge, Wolkenkratzer, Jazz und Kinos. Der Name geht auf die große Ausstellung für dekorative und industrielle Kunst in Paris 1925 zurück, doch der Begriff Art déco selbst wurde erst in den 1960er-Jahren gebräuchlich. Der Stil war in New York ebenso beliebt wie in Paris.
Jugendstil: die Natur als Vorbild
Den Jugendstil erkennt man an langen, schwingenden Peitschenhieblinien, sich windenden Stängeln, Lilien, Mohn, Libellen, Pfauen und Frauen mit fließendem Haar. Die Formen sind oft asymmetrisch und scheinen zu wachsen. In Nancy fertigte Émile Gallé mehrschichtige Glasvasen mit geätzten Pflanzen, etwa die Überfangvase, und in New York schuf Louis Comfort Tiffany seine Lampen mit Schirmen aus farbigem Glas.
Alfons Mucha schuf 1894 das Plakat „Gismonda“ für die Schauspielerin Sarah Bernhardt, mit einer langen, schmalen Figur, die von Ornamenten gerahmt wird. René Lalique schuf Schmuck aus Gold, Emaille und Glas, etwa seine Libellenbrosche. Mehr zum Stil in der Architektur im Ratgeber zum Jugendstil in der Architektur.
Art déco: Maschine und Luxus
Das Art déco ist geometrisch und symmetrisch, mit Zickzack, Stufenformen, Fächern, Sonnenstrahlen und Stromlinien. Die Anregungen kamen vom Kubismus, von den Farben der Ballets Russes, von der Entdeckung des Grabes des Tutanchamun 1922 und von den blanken Oberflächen der Maschinen. Die Materialien waren exklusiv: Lack, Elfenbein, Rochenleder, exotische Hölzer, Chrom und Spiegel.
Lalique wechselte vom Schmuck zum Pressglas und schuf Vasen wie „Bacchantes“. Der Plakatkünstler Cassandre warb für den Ozeandampfer „Normandie“, dessen Bug er als gewaltige, geometrische Wand zeigte. Auch Cartiers Armbanduhr „Tank“, 1917 vorgestellt, gilt mit ihren geraden Linien als Vorläuferin.
Der Übergang: Wien und Glasgow
Der Weg vom Jugendstil zum Art déco führte über die strengeren Spielarten des Jugendstils. In Glasgow entwarf Charles Rennie Mackintosh Möbel mit hohen, geraden Lehnen, etwa den Stuhl für das Hill House, und in Wien gründeten Josef Hoffmann und Koloman Moser 1903 die Wiener Werkstätte, in der Raster und Quadrate die Schlingen ersetzten.
Deshalb ist manchmal schwer zu entscheiden, ob ein Objekt aus den 1910er-Jahren als später Jugendstil oder als frühes Art déco zu bezeichnen ist. Achte auf die Linien: Sind sie gebogen und organisch oder gerade und geometrisch? Mehr zu den Strömungen unter Wiener Werkstätte.
In Schweden: Jugendstil und Swedish Grace
In Schweden zeigt sich der Jugendstil in der Keramik von Rörstrand und Gustavsberg, etwa in Alf Wallanders Vasen mit Reliefblumen, sowie in Hauseingängen und Treppenhäusern von Wohnhäusern. Das schwedische Gegenstück zum Art déco wird oft Swedish Grace genannt und war eine leichtere, klassischere Variante, die auf der Pariser Ausstellung 1925 in Glas von Orrefors und in Silber zu sehen war.
Wenn du lernen willst, die Stile zu unterscheiden, vergleiche die Gläser von Gallé und Tiffany mit Laliques späteren Vasen oder Muchas Plakate mit denen von Cassandre. Weitere Objekte findest du unter den Strömungen Jugendstil und Art déco.
So unterscheidest du sie
- Jugendstil: gebogene, organische Linien. Art déco: gerade Linien und Geometrie
- Jugendstil: Asymmetrie. Art déco: Symmetrie
- Jugendstil: Pflanzen, Insekten, Frauenhaar. Art déco: Sonnenstrahlen, Zickzack, Stromlinien
- Jugendstil: Handwerk, Glas und Emaille. Art déco: Chrom, Lack, Spiegel und exklusive Materialien
- Jugendstil: gedämpfte, naturnahe Farben. Art déco: Kontraste wie Schwarz, Gold und Silber
- Jugendstil: um 1890–1910. Art déco: um 1920–1940
Übung
Welches Ereignis gab dem Art déco seinen Namen?
- Die Weltausstellung in Paris 1900
- Die Ausstellung für dekorative und industrielle Kunst in Paris 1925
- Die Gründung des Bauhauses 1919
- Jugendstil
- Art déco
- Émile Gallé
- Überfangvase
- Louis Comfort Tiffany
- Lampen
- Alfons Mucha
- „Gismonda“
- René Lalique
- Libellenbrosche
- Jugendstil in der Architektur
- „Bacchantes“
- Cassandre
- „Normandie“
- „Tank“
- Stuhl für das Hill House
- Wiener Werkstätte
- Vasen
- Jugendstil in der Architektur – Art nouveau an Gebäuden
- Was war Arts and Crafts? William Morris und die Rückkehr des Handwerks
- Was ist das Bauhaus? Die Schule, die das moderne Design prägte
- Japonismus: Wie Japan die europäische Kunst und das Design veränderte
- Ratgeber