Echte Lithografie oder Nachdruck? So datierst du ein Plakat
Ein echtes lithografisches Plakat aus den 1890er-Jahren ist mit einem Stein für jede Farbe gedruckt: Die Farben liegen in deckenden Schichten, die Oberfläche hat ein feines Korn, und die Passung klafft oft ein wenig. Ein moderner Druck besteht dagegen aus winzigen Punkten in vier Farben, die unter der Lupe deutlich zu sehen sind. Größe und Papier des Plakats, der Name der Druckerei am Rand und Faltspuren helfen dann, ein Original von einer späteren Auflage oder Reproduktion zu unterscheiden.
Fakten
- Technik: Farblithografie: ein Stein pro Farbe
- Blütezeit: um 1870–1930
- Pionier: Jules Chéret, Paris, ab den 1860er-Jahren
- Merkmale: Deckende Farbschichten, Korn und Passmarken
- Moderne Drucke: Rasterpunkte in vier Farben
- Hilfsmittel: Lupe mit zehnfacher Vergrößerung
Stein für Stein
Die Lithografie beruht darauf, dass sich Fett und Wasser abstoßen. Der Künstler zeichnet mit Fettkreide oder Tusche auf einen geschliffenen Kalkstein, der Stein wird befeuchtet und eingefärbt, und die Farbe haftet nur dort, wo die Zeichnung ist. Für ein Plakat in Farbe braucht man für jede Farbe einen Stein, und der Bogen wird immer wieder durch die Presse geführt, von der hellsten bis zur dunkelsten Farbe. Wie das funktioniert, zeigt das Diagramm „Farblithografie, Stein für Stein“ unten sowie der Ratgeber zu den grafischen Techniken.
Jules Chéret schuf das moderne Farbplakat in Paris mit großen Lithografien seit den 1860er- und 70er-Jahren, etwa Orphée aux enfers von 1858 und Bal au Moulin Rouge von 1889. In den 1890er-Jahren folgten Toulouse-Lautrec, Alfons Mucha und Pierre Bonnard, und die Plakate wurden schon damals von einem großen Publikum gesammelt.
Was die Lupe zeigt
Die sicherste Probe ist eine Lupe. In einer Lithografie liegt die Farbe in gleichmäßigen oder körnigen Flächen mit weichen Rändern, und wo zwei Farben übereinanderliegen, mischen sie sich zu einer dritten. Das Korn stammt von der Oberfläche des Steins oder von der Kreide und ist unregelmäßig. Auch eine große Fläche in einem Farbton kann gepunktet sein, mit einem von Hand gesetzten Muster aus Spritzern oder Körnern, aber nie in einem regelmäßigen Raster.
Ein Offsetdruck oder ein Digitaldruck ist dagegen aus Rasterpunkten in Cyan, Magenta, Gelb und Schwarz aufgebaut, die in Reihen und Winkeln angeordnet sind, die kleine Rosetten bilden. Das Raster ist bei zehnfacher Vergrößerung deutlich zu sehen, auch dort, wo das Bild aus der Ferne gleichmäßig wirkt. Ein Plakat mit Rasterpunkten kann alt sein – Rasterdruck wurde schon um 1900 verwendet –, aber ein Plakat, das angeblich ein Mucha von 1896 ist, darf sie nicht aufweisen.
Passung, Signatur und Druckerei
Da jeder Stein einzeln gedruckt wurde, liegen die Farben selten ganz exakt übereinander. Kleine Lücken an den Rändern, Farben, die einen Millimeter über die Kontur hinausreichen, und mitunter Passmarken im Rand sind Zeichen eines echten Steindrucks. Ein perfekt passender Druck ohne die kleinste Lücke ist verdächtig.
Die Signatur des Künstlers ist im Bild mitgedruckt, nicht von Hand geschrieben, und Name und Adresse der Druckerei stehen in kleiner Schrift am Rand. Chéret arbeitete mit der Druckerei Chaix und Mucha mit Champenois in Paris. Auf dem Plakat für JOB und auf Gismonda ist die Signatur im Bild zu sehen. Bei Reproduktionen ist der Text der Druckerei oft abgeschnitten oder durch einen modernen Verlagsnamen ersetzt.
Papier, Format und Faltung
Originalplakate wurden auf billiges, dünnes Papier gedruckt, das einige Wochen an einer Wand hängen sollte. Das Papier ist oft vergilbt, und viele Originale wurden zum Versand oder zur Aufbewahrung gefaltet und später von einem Restaurator zur Stabilisierung auf Leinwand kaschiert. Faltspuren und eine Leinwand auf der Rückseite sind daher bei echten Plakaten häufig und bei Reproduktionen selten.
Auch das Format sagt etwas aus. Viele Plakate der 1890er-Jahre waren groß, über einen Meter hoch, und wurden zuweilen auf zwei Bögen gedruckt. Dasselbe Motiv erschien oft in kleineren Formaten für Sammler, und diese Auflagen sind echte Lithografien aus derselben Zeit. Moderne Reproduktionen haben oft ein Standardformat, weißes, dickes Papier und eine glänzende Oberfläche.
Von der Lithografie zum Offset
Im 20. Jahrhundert übernahmen andere Techniken. Die flachen Farbflächen des Sachplakats und die Spritzpistole der 1930er-Jahre wurden noch oft lithografisch gedruckt, aber nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Offsetdruck zur gängigen Technik, und der Siebdruck lieferte die kräftigen Farben der Pop-Art. Die Frage, ob ein Plakat aus den 1960er-Jahren eine Lithografie ist, ist daher meist die falsche Frage: Es ist ein Offset- oder Siebdruck.
Datiere deshalb nach Technik, Motiv und Text zusammen. Die Schrift, die Adressen und die Preise auf dem Plakat gehören zu ihrer Zeit, und ein Plakat für eine Ausstellung oder Aufführung nennt oft ein Datum im Text. Weitere Beispiele von Chéret bis zu den 1970er-Jahren findest du in der Kategorie Plakate.
Daran erkennst du ihn
- Deckende Farbschichten, die sich vermischen, wo sie übereinanderliegen
- Unregelmäßiges Korn vom Stein, keine Rasterpunkte
- Kleine Lücken in der Passung zwischen den Farben
- Signatur im Bild mitgedruckt, Name der Druckerei am Rand
- Dünnes, vergilbtes Papier, oft gefaltet und auf Leinwand kaschiert
- Regelmäßige Punkte in vier Farben bedeuten Rasterdruck
Übung
Unter der Lupe besteht ein Mucha-Plakat aus kleinen Punkten in Reihen, in Cyan, Magenta, Gelb und Schwarz. Was ist es wahrscheinlich?
- Eine Original-Lithografie aus den 1890er-Jahren
- Ein späterer Rasterdruck oder eine Reproduktion
- Ein handgemaltes Original
- grafischen Techniken
- Jules Chéret
- Orphée aux enfers
- Bal au Moulin Rouge
- Toulouse-Lautrec
- Alfons Mucha
- Plakat für JOB
- Gismonda
- Plakate
- Holzschnitt, Kupferstich, Radierung und Lithografie – der Unterschied zwischen den grafischen Techniken
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- Ratgeber