Swedish Grace oder Funktionalismus? Der Unterschied erklärt
Swedish Grace, oder Nordischer Klassizismus, ist der leichte, vereinfachte Klassizismus der 1920er-Jahre: symmetrische Fassaden, glatter Putz, kleine Fenster in großen Wänden, dünne Säulen und niedrige Dreiecksgiebel. Der Funktionalismus, der sich in Schweden 1930 durchsetzte, verzichtet auf die Symmetrie und die klassischen Details und zeigt stattdessen die Konstruktion des Hauses mit liegenden Bandfenstern, Flachdächern, Eckfenstern und freiem Grundriss. Beide Stile haben glatte, helle Wände, weshalb sie leicht verwechselt werden. Der Übergang vom einen zum anderen ist am deutlichsten bei ein und demselben Architekten zu sehen: Gunnar Asplund.
Fakten
- Swedish Grace: um 1915–1930
- Funktionalismus: um 1930–1950
- Gemeinsamkeit: Glatte, helle Putzwände und wenig Ornament
- Swedish Grace erkennt man an: Symmetrie, Säulen, Dreiecksgiebel, kleine Fenster
- Funktionalismus erkennt man an: Asymmetrie, Bandfenster, Flachdächer, Pfeiler
- Der Wendepunkt: Stockholmer Ausstellung 1930
Zwei Stile, die aus der Ferne ähnlich aussehen
Der Nordische Klassizismus entstand kurz vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Die Architekten wollten etwas Ruhigeres als den schweren Backstein der Nationalromantik und nahmen sich gustavianische Herrenhäuser und schlichte italienische Bauernhöfe zum Vorbild. Im Ausland erhielt der Stil nach der schwedischen Ausstellung in Paris 1925 den Namen Swedish Grace. Die Häuser sind in hellen Farbtönen verputzt, in Ocker, Hellrot oder Weiß, und die klassischen Formen bleiben erhalten, aber dünner, niedriger und mitunter spielerisch verzerrt.
Der Funktionalismus kam vom Kontinent, von Le Corbusiers Villa Savoye und Walter Gropius’ Bauhausgebäude. Ein tragendes Betontragwerk bewirkte, dass die Wand nicht mehr tragen musste und sich mit langen Fenstern öffnen ließ. Glatte Flächen haben beide Stile, aber aus völlig verschiedenen Gründen: Im Klassizismus ist die glatte Wand eine vereinfachte klassische Mauer, im Funktionalismus eine dünne Haut um ein Tragwerk.
Asplunds Weg vom Gerichtsgebäude zur Ausstellung
Gunnar Asplund zeigt den Übergang besser als jeder andere. Die Villa Snellman in Djursholm, 1917–1918, sieht aus wie ein schlichtes Herrenhaus, hat aber Fenster, die nicht senkrecht übereinander sitzen. Das Gerichtsgebäude in Sölvesborg hat einen runden Gerichtssaal in einem quadratischen Haus. Die Stadtbibliothek, 1924–1928, wurde zunächst mit einer Kuppel entworfen, doch Asplund ließ sie weg, sodass nur ein Zylinder auf einem Kubus blieb. Der Klassizismus ist hier auf reine Geometrie reduziert, fast nur einen Schritt von der Moderne entfernt.
Der Schritt erfolgte zwei Jahre später. Als Chefarchitekt der Stockholmer Ausstellung 1930 entwarf Asplund leichte Pavillons aus Glas und Stahl mit Fahnen, Neonschriften und einem hohen Reklamemast. Der Funktionalismus setzte sich in Schweden in einem einzigen Sommer durch, und 1931 gab Asplund mit fünf anderen das Manifest „acceptera“ heraus. Sein Anbau an das Göteborger Rathaus, 1934–1937, zeigt dann eine reifere Moderne, in der das Raster der Fassade die Gliederung des alten Hauses fortsetzt. Auf dem Waldfriedhof finden sich beide Stile: die kleine Waldkapelle von 1920 und das Waldkrematorium von 1940.
Fünf Möglichkeiten, den Unterschied zu erkennen
Das Erste ist die Symmetrie. Ein Haus der 1920er-Jahre hat fast immer eine Mittelachse mit dem Eingang in der Mitte und gleich vielen Fenstern auf jeder Seite. Ein funktionalistisches Haus richtet sich nach den Räumen im Inneren und ist deshalb oft asymmetrisch. Das Zweite sind die Fenster. Der Nordische Klassizismus hat kleine, hochformatige Fenster, oft kleinteilig versprosst und locker in einer großen Wand verteilt. Der Funktionalismus hat liegende Bandfenster, Eckfenster und ein hohes, schmales Fensterband am Treppenhaus.
Das Dritte ist das Dach. Der Klassizismus hat oft Walm- oder Mansarddächer mit Ziegeln oder Kupferblech, der Funktionalismus Flachdächer oder Dächer mit so geringer Neigung, dass man sie nicht sieht. Das Vierte sind die Details. Dünne Säulen, niedrige Dreiecksgiebel, Urnen, Nischen, Obelisken und runde Fenster gehören zum Klassizismus. Der Funktionalismus hat stattdessen Reling-Geländer aus Stahlrohr, auskragende Balkone und Vordächer. Das Fünfte ist, wie das Haus steht. Klassizistische Häuser ruhen schwer auf einem Sockel, während der Funktionalismus das Haus gern auf Pfeiler hebt oder das Erdgeschoss zurückspringen lässt.
Weitere Paare zum Vergleichen
Ivar Tengboms Konzerthaus am Hötorget, mit zehn hohen korinthischen Säulen vor einem blauen Kubus, ist Swedish Grace in seiner monumentalsten Form. In Helsingborg lässt sich sehen, wie ein und dasselbe Gebäude den Stil wechselte: Sven Markelius gewann in den 1920er-Jahren mit einem klassizistischen Entwurf den Wettbewerb um das Konzerthaus, reiste 1927 zum Bauhaus in Dessau und überarbeitete das Haus völlig. Es wurde 1932 als weißes, glattes Gebäude mit verglastem Foyer eingeweiht.
Denselben Weg ging Alvar Aalto in Finnland, vom Arbeitervereinshaus in Jyväskylä 1925 bis zum Sanatorium in Paimio. Schwedische Beispiele für jeden Stil finden sich auf den Seiten zu den Epochen Swedish Grace und Funktionalismus, und der Designbereich zeigt denselben Wandel bei Glas, Möbeln und Porzellan unter Swedish Grace und Funktionalismus. Mehr zu jedem Stil einzeln steht in den Ratgebern über Nordischen Klassizismus und Funktionalismus.
Schwer zu entscheiden? So gehst du vor
Viele Häuser aus den Jahren um 1930 stehen dazwischen: ein symmetrisches Haus mit Flachdach oder ein funktionalistisches Haus mit Satteldach und Sprossenfenstern. Der schwedische Funktionalismus ist oft weicher als der auf dem Kontinent, mit Backstein, Holz und sorgfältiger Schmiedearbeit. Beginne dann bei den Fenstern. Sind sie hochformatig und sitzen in gleichmäßigen Reihen mit großen Wandflächen dazwischen, neigt das Haus zum Klassizismus. Laufen sie im Band oder um die Ecke, ist es Funktionalismus, unabhängig vom Dach.
Sieh dir dann den Eingang an. Ein Eingang mit Rahmung, vielleicht mit einem kleinen Dreiecksgiebel oder einem Rundbogen, ist klassizistisch. Ein Eingang unter einem auskragenden Vordach, gern seitlich an der Fassade, ist funktionalistisch. Weitere Faustregeln zu Dachformen, Fenstern und Materialien bietet der Ratgeber Welcher Stil ist mein Haus?.
Swedish Grace oder Funktionalismus
- Swedish Grace: symmetrische Fassade mit dem Eingang in der Mitte
- Swedish Grace: kleine, hochformatige Fenster in großen, glatten Wänden
- Swedish Grace: dünne Säulen, niedrige Dreiecksgiebel, Urnen und Nischen
- Funktionalismus: Asymmetrie nach den Bedürfnissen der Räume
- Funktionalismus: liegende Bandfenster, Eckfenster und Flachdächer
- Funktionalismus: Reling-Geländer, auskragende Balkone und Vordächer
Übung
Welches Merkmal gehört zum Funktionalismus, aber nicht zu Swedish Grace?
- Glatte, helle Putzfassaden
- Eine symmetrische Fassade mit Säulen
- Liegende Bandfenster und Flachdach
- Nordischer Klassizismus
- Funktionalismus
- Gunnar Asplund
- Villa Savoye
- Bauhausgebäude
- Villa Snellman
- Gerichtsgebäude in Sölvesborg
- Stadtbibliothek
- Stockholmer Ausstellung 1930
- Anbau an das Göteborger Rathaus
- Waldfriedhof
- Ivar Tengboms
- Konzerthaus
- Sven Markelius
- Konzerthaus
- Alvar Aalto
- Arbeitervereinshaus in Jyväskylä
- Sanatorium in Paimio
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