Historismus in der Architektur: als das 19. Jahrhundert Stile auslieh
Der Historismus ist ein Architekturstil von etwa 1830 bis 1900, in dem Gebäude in älteren Stilen wie Gotik, Renaissance, Barock oder Romanik gestaltet werden. Der Stil wurde nach der Aufgabe und dem Symbolwert des Gebäudes gewählt: Gotik für Kirchen und Parlamente, Renaissance für Museen und Barock für Opernhäuser.
Fakten
- Zeitraum: um 1830–1900
- Stile: Neugotik, Neurenaissance, Neubarock, Neuromanik, orientalisierende Stile
- Neue Bautypen: Museen, Parlamente, Opernhäuser, Bahnhöfe, Warenhäuser, Banken
- Architekten: Barry, Garnier, Stüler, Gilbert Scott, Cuypers, Zettervall
- Gefolgt von: Jugendstil und Nationalromantik
Warum lieh man Stile aus?
Im 19. Jahrhundert wuchsen die Städte, die Industrie schuf Reichtum, und Staat, Kirche und Bürgertum brauchten neue Arten von Gebäuden: Museen, Parlamente, Banken, Theater, Bahnhöfe und Bibliotheken. Zugleich waren die Architekten unsicher, welcher Stil zur Zeit passte. Die Lösung war, einen älteren Stil zu wählen, der dem Gebäude die passende Bedeutung gab. Deshalb wird der Historismus oft das Jahrhundert der Stile genannt.
Die Wahl war sinnvoll. Die Gotik wurde mit christlichem Glauben und nationaler Geschichte verbunden, die Renaissance mit Bildung und Handel und der Barock mit Macht und Theater. Die Gebäude trugen also Erzählungen in sich. Sie wurden von ausgebildeten Architekten entworfen, die die Stile aus Büchern und von Reisen kannten, und die Stile wurden zu Wissen statt zu Tradition. Zum Gegenpol lies den Ratgeber über den Klassizismus.
Neugotik: Westminster und St Pancras
Als das alte Parlamentsgebäude 1834 abbrannte, wurde der Palace of Westminster in London von Charles Barry mit Augustus Pugin als Dekorateur in neugotischem Stil wieder aufgebaut. Der Uhrturm mit Big Ben war 1859 fertig. Die Wahl der Gotik sollte zeigen, dass die englische Demokratie mittelalterliche Wurzeln hatte. George Gilbert Scott baute im selben Stil das St-Pancras-Hotel (1873), einen Bahnhof mit Spitzbögen und Türmen.
In Ungarn entstand das Parlamentsgebäude in Budapest 1885–1904 im neugotischen Stil, und in Bayern ließ König Ludwig II. das romantische Schloss Neuschwanstein bauen. In Frankreich restaurierte Eugène Viollet-le-Duc mittelalterliche Bauten wie Notre-Dame und Carcassonne, mitunter recht frei. Die Gotik im Original findest du im Ratgeber Gotik erkennen. Die Wiener Ringstraße, angelegt an der Stelle der Stadtmauer, wurde zum berühmtesten Beispiel dafür, wie ein ganzes Stadtviertel mit historischen Stilen gefüllt wurde: ein neugotisches Rathaus, ein Opernhaus der Neurenaissance und ein Parlament im griechischen Stil.
Neurenaissance und Neubarock
Museen und Bibliotheken wählten oft die Renaissance, die mit Bildung verbunden war. Friedrich August Stüler entwarf das Nationalmuseum in Stockholm (1866) in der Neurenaissance nach dem Vorbild italienischer Paläste, und in Amsterdam baute Pierre Cuypers das Rijksmuseum (1885) in einer Mischung aus Gotik und Renaissance. In Kopenhagen entwarf Martin Nyrop das Rathaus (1905) nach italienischen Türmen.
Der Barock passte zu Theatern und Opernhäusern. Charles Garnier entwarf die Pariser Oper (1861–1875) mit verschwenderischen Treppen, Spiegeln und Vergoldung. Die Oper zeigt das neue Bürgertum, das denselben Glanz wollte wie der Adel. In Schweden steht das Nordische Museum (Nordiska museet) von Isak Gustaf Clason (1907) in einer Neurenaissance, die schwedische Züge des Mittelalters und des 16. Jahrhunderts mischt.
Kritik, Eisen und das Ende
Der Historismus wurde schon zu seiner Zeit als Maskerade kritisiert: Hinter der Fassade steckten moderne Stahlskelette und Büros. Der Crystal Palace in London (1851) aus Glas und Eisen zeigte einen anderen Weg. William Morris und die Arts-and-Crafts-Bewegung wollten die Imitation durch ehrliches Handwerk ersetzen; siehe Arts and Crafts und den Historismus im Designbereich.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Historismus von Nationalromantik und Jugendstil abgelöst, die nach neuen Formen suchten; siehe Nationalromantik und Jugendstil in der Architektur. In Schweden restaurierte Helgo Zettervall die Domkirchen von Lund und Uppsala im Geist des Historismus und entwarf das Hauptgebäude der Universität Lund. Das Reichstagsgebäude (1905) (Riksdagshuset) ist ein späterer Bau, der Stile mischt. Die Epoche wird unter Historismus und Industrialismus beschrieben.
Daran erkennst du ihn
- Gebäude in historischen Stilen: Gotik, Renaissance, Barock, Romanik
- Stil nach Aufgabe und Symbolwert des Gebäudes gewählt
- Reicher Dekor und Schmuck in Stein, Stuck und Eisen
- Moderne Materialien hinter historischer Fassade
- Große, monumentale öffentliche Gebäude
- Mischung mehrerer Stile, Eklektizismus
Übung
Welcher Stil wurde im 19. Jahrhundert oft für Parlamentsgebäude wie Westminster gewählt?
- Neubarock
- Neugotik
- Klassizismus
- Klassizismus
- Palace of Westminster
- Charles Barry
- George Gilbert Scott
- St-Pancras-Hotel
- Parlamentsgebäude
- Neuschwanstein
- Gotik erkennen
- Friedrich August Stüler
- Nationalmuseum
- Pierre Cuypers
- Rijksmuseum
- Martin Nyrop
- Rathaus
- Charles Garnier
- Pariser Oper
- Nordische Museum
- Isak Gustaf Clason
- Crystal Palace
- Arts and Crafts
- Historismus
- Nationalromantik
- Jugendstil in der Architektur
- Helgo Zettervall
- Hauptgebäude der Universität Lund
- Reichstagsgebäude
- Historismus
- Industrialismus
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