Wie datiert man ein Gemälde? Technik, Schichten und Stil
Ein Gemälde wird datiert, indem man drei Arten von Spuren kombiniert. Das Material: worauf es gemalt ist (Holztafel oder Leinwand), wie die Leinwand gespannt ist und welche Pigmente vorhanden sind, denn viele Farben haben bekannte Erfindungsjahre. Die Technik: wie die Schichten aufgebaut sind, von der Grundierung bis zum Firnis. Stil und Motiv: Komposition, Kleidung, Frisuren und Gegenstände. Ein Material liefert oft einen frühestmöglichen Zeitpunkt, kein genaues Jahr, und eine sichere Datierung erfordert die Untersuchung durch einen Restaurator.
Fakten
- Der Bildträger: Holztafel bis ins 16. Jahrhundert am häufigsten, danach zunehmend Leinwand
- Preußischblau: Anfang des 18. Jahrhunderts in Berlin entdeckt
- Kobaltblau: Seit Beginn des 19. Jahrhunderts
- Synthetisches Ultramarin: Seit Ende der 1820er-Jahre
- Farbe in der Tube: Seit den 1840er-Jahren
- Titanweiß: Als Künstlerfarbe erst in den 1920er-Jahren
Was dieser Ratgeber kann und was nicht
Dieser Ratgeber beschreibt, wie Kunsthistoriker und Restauratoren vorgehen, damit du ein Gemälde besser verstehen und die richtigen Fragen stellen kannst. Er kann nicht entscheiden, von wem ein Gemälde stammt oder was es wert ist, und die App nimmt keine solchen Beurteilungen vor. Wenn du ein Gemälde hast, das du für alt oder wertvoll hältst, wende dich an einen Restaurator, ein Museum oder ein Auktionshaus, das es vor Ort untersuchen kann.
Der Grundgedanke ist einfach. Ein Gemälde kann nie älter sein als sein jüngstes Material. Findet man ein Pigment, das 1830 erfunden wurde, kann das Bild nicht aus dem 18. Jahrhundert stammen, so alt es auch aussieht. Umgekehrt beweisen alte Materialien nichts über das Alter des Gemäldes selbst; ein Fälscher kann eine alte Leinwand verwenden.
Schritt 1: Worauf ist es gemalt?
Drehe das Gemälde um. Bis ins 16. Jahrhundert wurden fast alle Bilder auf Holztafeln gemalt, im Norden oft auf Eiche und in Italien oft auf Pappel. Die „Mona Lisa“ ist auf Pappelholz gemalt, und van Eycks „Arnolfini-Hochzeit“ auf Eiche. Im 16. Jahrhundert setzte sich die Leinwand durch, zuerst in Venedig, da sie leichter war und größer gefertigt werden konnte. Für Eichentafeln gibt es eine eigene Methode, die Dendrochronologie: Die Jahrringe werden mit bekannten Reihen verglichen und ergeben ein Jahr, in dem der Baum frühestens gefällt worden sein kann.
Auch die Art, wie die Leinwand gespannt ist, sagt etwas aus. Ältere Leinwände wurden auf einen festen Rahmen genagelt. Keilrahmen mit Keilen in den Ecken, sodass die Leinwand nachgespannt werden kann, wurden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts üblich. Im 19. Jahrhundert begannen Farbenhändler, fertige Leinwände mit Stempeln auf der Rückseite zu verkaufen, und ein solcher Stempel lässt sich recht genau datieren.
Schritt 2: die Schichten im Querschnitt
Ein älteres Ölgemälde ist in Schichten aufgebaut, und die Schemagrafik unten zeigt sie vom Bildträger nach oben: Grundierung aus Kreide oder Gips, manchmal eine getönte Imprimitur, eine Unterzeichnung, eine Untermalung in Grauabstufungen oder Braun, die eigentliche Farbschicht, dünne Lasuren und zuoberst der Firnis. Reihenfolge und Materialien änderten sich mit der Zeit. Italienische Maler grundierten mit Gips, Nordeuropäer mit Kreide, und im 17. Jahrhundert wurden dunkle, rotbraune Grundierungen üblich. Wie Fresko und Tempera im Vergleich zu Öl aufgebaut sind, steht im Ratgeber über Fresko, Tempera und Öl.
Mit Infrarotfotografie lässt sich die Unterzeichnung durch die Farbe hindurch erkennen, und man kann Änderungen entdecken, sogenannte Pentimenti. In der „Arnolfini-Hochzeit“ hat man auf diese Weise gesehen, dass van Eyck mehrere Details änderte. Röntgenaufnahmen zeigen schwere Pigmente wie Bleiweiß und können ein ganz anderes Bild unter der Oberfläche aufdecken. Ultraviolettes Licht lässt den Firnis fluoreszieren und zeigt, wo jemand später retuschiert hat. Siehe Kunst betrachten: Techniken und die Begriffe im Glossar, zum Beispiel Pentimento, Lasur und Grisaille.
Schritt 3: die Pigmente
Viele Farben haben ein bekanntes Geburtsjahr und sind deshalb die besten Spuren. Preußischblau wurde Anfang des 18. Jahrhunderts in Berlin entdeckt und wurde bald beliebt; findet es sich in einem Gemälde, das angeblich aus dem 17. Jahrhundert stammt, stimmt etwas nicht. Kobaltblau kam Anfang des 19. Jahrhunderts, synthetisches Ultramarin Ende der 1820er-Jahre und Zinkweiß als Künstlerfarbe in den 1830er-Jahren. Davor musste Ultramarin aus dem teuren Stein Lapislazuli hergestellt werden, den Vermeer im „Mädchen mit dem Perlenohrring“ verwendete; mehr dazu im Ratgeber Rembrandt und Vermeer.
Im 20. Jahrhundert kamen Titanweiß und synthetische organische Pigmente, nach dem Zweiten Weltkrieg die Acrylfarbe. Die Erfindung der Farbtube in den 1840er-Jahren erleichterte das Malen im Freien, was die Impressionisten nutzten. Pigmente werden mit dem Mikroskop und mit Analysen bestimmt, die das Bild nicht beschädigen, doch das erfordert ein Labor.
Schritt 4: Stil, Motiv und Kleidung
Wenn das Material einen Rahmen vorgegeben hat, hilft der Stil, die Zeit einzugrenzen. Wie ist das Bild komponiert? Gibt es Zentralperspektive, weiche Übergänge, starke Kontraste, sichtbare Pinselstriche? Jede Epoche hat ihre Kennzeichen, und die Epochenseiten der App beschreiben sie. Lies auch den Ratgeber Wie liest man ein Gemälde?
Kleidung und Frisuren sind in Porträts oft die genaueste Spur, da sich die Mode schnell änderte: Halskrausen, Perücken, weite Röcke, enge Hosen. Gegenstände im Bild liefern einen frühestmöglichen Zeitpunkt, etwa eine bestimmte Art von Möbel, ein Instrument oder ein Buch. Die Symbole können im Lauf der Zeit ihre Bedeutung geändert haben; siehe den Ratgeber über Ikonografie und Attribute.
Fallen: Firnis, Signaturen und Kopien
Alter Firnis vergilbt und dunkelt nach, und dann sieht ein Gemälde älter aus, als es ist, oder ganz anders. „Die Nachtwache“ erhielt ihren Namen, als der Firnis so stark nachgedunkelt war, dass man glaubte, die Szene spiele nachts; das tut sie nicht. Craquelé, das Netz von Rissen in der Farbe, kann natürlich entstehen, aber auch durch Wärme hervorgerufen werden.
Signaturen und Jahreszahlen können später hinzugefügt worden sein, von einem Händler, der den Wert steigern wollte. Kopien und Werkstattrepliken wurden zu allen Zeiten offen angefertigt, und eine Kopie kann alt sein und trotzdem nicht das Original. Deshalb wiegt eine einzelne Angabe wenig; erst wenn Material, Technik und Stil in dieselbe Richtung weisen, wird eine Datierung glaubwürdig. Dieselbe Methode wird bei Möbeln angewendet; vergleiche die Ratgeber des Designbereichs über das Datieren einer antiken Kommode und das Datieren eines antiken Stuhls.
Darauf kannst du selbst achten
- Die Rückseite: Holztafel oder Leinwand, und wie die Leinwand befestigt ist
- Keilrahmen mit Keilen in den Ecken – erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts üblich
- Stempel von Farbenhändlern auf der Rückseite der Leinwand
- Kleidung, Frisuren und Gegenstände im Bild
- Vergilbter Firnis und Retuschen, die im Streiflicht sichtbar werden
- Signaturen, die neuer aussehen als die Farbe um sie herum
Übung
Du findest Preußischblau in einem Gemälde, das angeblich aus dem 17. Jahrhundert stammt. Was bedeutet das?
- Dass es wahrscheinlich echt ist
- Dass es in seinem jetzigen Zustand nicht aus dem 17. Jahrhundert stammen kann
- Nichts, Pigmente sagen nichts über das Alter aus
- „Mona Lisa“
- van Eycks
- „Arnolfini-Hochzeit“
- Fresko, Tempera und Öl
- Kunst betrachten: Techniken
- Glossar
- „Mädchen mit dem Perlenohrring“
- Rembrandt und Vermeer
- Wie liest man ein Gemälde?
- Ikonografie und Attribute
- „Die Nachtwache“
- Datieren einer antiken Kommode
- Datieren eines antiken Stuhls
- Fresko, Tempera und Öl – der Unterschied zwischen den Maltechniken
- Wie liest man ein Gemälde? Eine Methode in Schritten
- So datierst du eine antike Kommode
- Ikonografie und Attribute der Heiligen: So liest du Symbole in der Kunst
- Ratgeber