Wie liest man ein Gemälde? Eine Methode in Schritten

Ein Gemälde zu lesen bedeutet, langsam und in Schritten hinzusehen: zuerst der spontane Eindruck, dann, was das Bild darstellt, wie es mit Komposition, Licht und Farbe aufgebaut ist, was die Symbole bedeuten und schließlich, in welchem Zusammenhang es entstand. Die Methode funktioniert bei allem, von mittelalterlichen Altarbildern bis zur modernen Kunst.

Fakten

Schritt 1: Zuerst hinsehen

Beginne nicht mit dem Schild. Gib dir eine Minute allein mit dem Bild und achte darauf, was den Blick zuerst fesselt, welche Stimmung das Bild hat und was du fühlst. Ist es ruhig oder unruhig, warm oder kalt, nah oder fern? Der spontane Eindruck ist nicht falsch; er ist der Ausgangspunkt für alles Weitere.

Achte auch auf Größe und Abstand. Ein kleines Bild zieht dich nah heran, ein wandgroßes will, dass du einen Schritt zurücktrittst. Ein Museumsbesuch ist etwas anderes als ein Bildschirm, aber dieselbe Art des Hinsehens funktioniert bei beiden. Mehr zum Sehen findest du im Abschnitt Sehen.

Schritt 2: Beschreibe, was du siehst

Beschreibe das Bild so sachlich wie möglich, als würdest du es jemandem erzählen, der es nicht sehen kann. Welche Personen, Gegenstände und Orte gibt es? Was tun sie, und wo befinden sie sich? Was ist im Vordergrund, in der Mitte und im Hintergrund? Diese Ebene nannte der Kunsthistoriker Erwin Panofsky die vorikonografische.

Die Beschreibung verrät oft mehr, als man denkt. In „Las Meninas“ entdeckt man bei genauem Hinsehen, dass der Maler an seiner Leinwand steht, dass im Türrahmen ganz hinten ein Mann zu sehen ist und dass das Königspaar nur in einem Spiegel an der Rückwand erscheint.

Schritt 3: Die Form analysieren

Nun betrachtest du, wie das Bild aufgebaut ist. Die Komposition: Gibt es Diagonalen, ein Dreieck, eine Symmetrie, ein Zentrum? Wohin geht der Blick, und wie wird er weitergeführt? Das Licht: Woher kommt es, und was wird hervorgehoben? Die Farben: warm oder kalt, kräftig oder gedämpft, und wie wirken sie zusammen?

Überlege auch, wie es sich mit der Perspektive und der Technik verhält. Ist der Raum tief oder flach? Sind die Pinselstriche sichtbar, oder ist die Oberfläche glatt? Ist es Öl, Tempera oder Fresko? Die Form ist nicht bloß Rahmen; sie ist ein großer Teil dessen, was das Bild sagt.

Schritt 4: Die Symbole deuten

Viele ältere Bilder sind voller Zeichen, die die Zeitgenossen lesen konnten. Die Lehre von den Motiven und Symbolen der Bilder heißt Ikonografie. Ein Totenschädel erinnert an den Tod, eine Lilie an Reinheit, ein Hund oft an Treue. Heilige erkennt man an ihren Attributen: Petrus hat Schlüssel, Katharina ein Rad.

In „Die Gesandten“ von 1533 hat Hans Holbein einen verzerrten Totenschädel über den Boden gemalt. Er ist nur von der Seite richtig zu erkennen, eine Technik namens Anamorphose, und erinnert daran, dass alle Gelehrsamkeit und aller Reichtum im Regal hinter den Männern vergänglich sind. Viele Begriffe sind im Glossar erklärt.

Schritt 5: Das Bild in seinen Zusammenhang stellen

Zuletzt fragst du, wann, wo, von wem und für wen das Bild entstand. War es ein Auftrag für eine Kirche, ein Porträt für ein Haus oder ein Werk für eine Ausstellung? Zu welcher Epoche gehört es, und was geschah damals in der Welt? Panofsky nannte die tiefste Ebene Ikonologie: das Bild als Ausdruck seiner Zeit zu verstehen.

Vergleiche dann mit anderen Bildern. Wie unterscheidet sich „Die Nachtwache“ von einem gewöhnlichen Gruppenporträt, und was sagt das über Rembrandt? Vergleichen ist eine der besten Möglichkeiten zu sehen, was das Besondere ist. Übe gern mit den Übungen der App und der Funktion zum Vergleichen von Werken.

Checkliste vor einem Gemälde

Übung

Wie heißt die Technik mit dem verzerrten Totenschädel in Holbeins „Gesandten“?