Komplementärfarben in der Kunst: Wie Maler Farben zum Leuchten bringen
Komplementärfarben sind Farben, die einander im Farbkreis gegenüberliegen: Rot und Grün, Blau und Orange, Gelb und Violett. In der Kunst werden sie eingesetzt, um Farben zum Leuchten zu bringen, denn zwei Komplementärfarben verstärken einander, wenn sie nebeneinanderstehen. Gemischt heben sie sich dagegen auf und ergeben ein Graubraun. Delacroix, die Impressionisten, van Gogh und Matisse bauten ihre Bilder bewusst auf solchen Paaren auf.
Fakten
- Klassische Paare: Rot–Grün, Blau–Orange, Gelb–Violett
- Nebeneinander: Verstärken einander: Simultankontrast
- Gemischt: Löschen einander zu Grau oder Braun aus
- Theorie: Goethes Farbenlehre (1810) und Chevreuls Kontrastgesetz (1839)
- Im Licht: Andere Paare: Rot–Cyan, Grün–Magenta, Blau–Gelb
- In der App: Jedes Werk hat einen Farbkreis mit fünf Farben aus dem Bild
Der Farbkreis und die Gegensätze
Im Farbkreis, den Maler traditionell verwenden, gibt es drei Grundfarben: Rot, Gelb und Blau. Mischt man zwei davon, erhält man eine Mischfarbe: Orange, Grün oder Violett. Jede Mischfarbe liegt der Grundfarbe gegenüber, die in ihr nicht enthalten ist. Orange besteht aus Rot und Gelb und steht Blau gegenüber, Grün steht Rot gegenüber, Violett Gelb. Das sind die Komplementärfarben.
Das Wort Komplement bedeutet Ergänzung: Zusammen enthält das Paar alle drei Grundfarben. Das erklärt beide Eigenschaften. Nebeneinander bieten sie dem Auge das ganze Spektrum und wirken stärker. Auf der Palette gemischt, löschen sie einander aus und ergeben einen grauen oder braunen Ton – ein altes Mittel, um eine Farbe abzudämpfen, ohne Schwarz zu verwenden.
Warum sie leuchten: Simultankontrast
Wenn du eine Weile auf einen roten Fleck starrst und dann eine weiße Wand ansiehst, erscheint ein grünliches Nachbild. Das Auge ermüdet bei einer Farbe und liefert ihr Gegenstück. Dasselbe geschieht ständig, wenn wir Farben nebeneinander betrachten: Jede Farbe schiebt ihre Umgebung in Richtung ihrer Komplementärfarbe. Ein graues Feld auf rotem Grund wirkt grünlich, auf grünem Grund rötlich.
Der Chemiker Michel-Eugène Chevreul von der Gobelinmanufaktur in Paris beschrieb das Phänomen 1839 als Gesetz des Simultankontrasts, nachdem sich die Weber darüber beklagt hatten, dass sich die Farben in den Mustern veränderten. Schon 1810 hatte Johann Wolfgang von Goethe in seiner Farbenlehre über die Gegensätze der Farben geschrieben. Die Erklärgrafik weiter unten zeigt den Effekt: zwei Felder in exakt derselben Farbe, die unterschiedlich aussehen. Siehe auch den Abschnitt Farbe bei „Kunst sehen“.
Von Delacroix zu den Impressionisten
Eugène Delacroix gehörte zu den Ersten, die Komplementärfarben bewusst einsetzten. Er legte grüne Schatten in rote Stoffe und violette in gelbe, sodass die Farbe vibrierte, und seine Notizen zeigen, dass er die Kontraste genau studierte. Die jüngeren Maler lernten von ihm.
Die Impressionisten verzichteten in den Schatten fast ganz auf Schwarz. Ein Schatten auf Schnee konnte blau oder violett sein, weil er einem warmen, gelben Sonnenlicht gegenübersteht. In Monets „Impression, Sonnenaufgang“ von 1872 ist die Sonne ein orangefarbener Klecks vor einem blaugrauen Meer und einem blaugrauen Himmel, und der Kontrast lässt sie glühen, obwohl sie fast so hell ist wie die Umgebung. Georges Seurat trieb das Prinzip mit dem Pointillismus am weitesten, bei dem Punkte in Komplementärfarben nebeneinanderliegen; siehe den Ratgeber zum Pointillismus.
Van Gogh und die Fauvisten
Vincent van Gogh schrieb in Briefen an seinen Bruder Theo, wie er den Kontrast zwischen Komplementärfarben einsetzen wollte, um Gefühle auszudrücken, und wie er im „Nachtcafé“ 1888 Rot und Grün gegeneinanderstellte, um die dunklen Leidenschaften des Menschen zu schildern. In der „Sternennacht“ von 1889 leuchten gelbe und orangefarbene Sterne und ein Mond vor einem tiefblauen Himmel; siehe den Ratgeber zur „Sternennacht“.
Henri Matisse und die Fauvisten gingen noch weiter und lösten die Farbe völlig von der Wirklichkeit. In „Der Tanz“ von 1910 tanzen fünf rote Gestalten im Kreis auf einem grünen Hügel vor einem blauen Himmel. Mit nur drei Farben entsteht eine enorme Energie. Mehr dazu im Ratgeber zum Fauvismus.
Farbenlehre in Schule und Design
Im 20. Jahrhundert wurde die Farbenlehre zu einem Fach an den Kunstschulen. Am Bauhaus unterrichtete Johannes Itten ab 1919 Farbe und Form, mit einem zwölfteiligen Farbkreis und Übungen zu Kontrasten: hell gegen dunkel, warm gegen kalt und der Komplementärkontrast. Sein Buch „Kunst der Farbe“ von 1961 wird noch heute verwendet. Josef Albers, der ebenfalls am Bauhaus lehrte, zeigte in „Interaction of Color“ von 1963 mit einfachen Übungen, wie dieselbe Farbe je nach ihren Nachbarn völlig verschieden aussehen kann; siehe den Ratgeber zum Bauhaus im Designteil.
Komplementärpaare finden sich überall in unserem Alltag. Plakate, Verpackungen und Schilder setzen sie ein, damit etwas auf Entfernung auffällt, und Fotografen und Filmemacher stellen gern warmes Hautlicht gegen eine kalte, blaugrüne Umgebung. Es ist dasselbe Prinzip, das Delacroix und van Gogh nutzten: Eine Farbe wirkt am stärksten neben ihrem Gegenstück.
Komplementärfarben selbst entdecken
Wenn du vor einem Gemälde stehst, achte auf die Paare. Gibt es ein rotes Detail in einer grünen Landschaft, ein orangefarbenes Boot auf blauem Wasser, gelbe Blumen vor violetten Schatten? Oft bleibt der Blick genau dort hängen. Achte auch darauf, wo der Künstler Komplementärfarben gemischt hat: Die gedämpften, warmen Grautöne in einem Hintergrund von Rembrandt sind oft so aufgebaut.
Auf der Seite jedes Werks in der App kannst du einen Farbkreis mit fünf Farben aus dem Bild aufklappen und sehen, wie sie zueinander liegen; probiere es mit „Sternennacht“, „Impression, Sonnenaufgang“ und „Der Tanz“. Beachte, dass die Farbpaare im Licht anders aussehen als bei Pigmenten. Auf einem Bildschirm, wo sich Licht mischt, sind Rot und Cyan, Grün und Magenta sowie Blau und Gelb Komplementärfarben. Der Farbkreis des Malers und der des Physikers sind zwei verschiedene Modelle. Weiter geht es im Ratgeber zum Impressionismus.
Daran erkennst du ihn
- Farbpaare, die sich im Farbkreis gegenüberliegen
- Ein kleiner Klecks einer Farbe in einem großen Feld ihres Gegenstücks
- Farbige Schatten: Blau und Violett statt Schwarz
- Kanten, an denen die Farben zu vibrieren scheinen
- Gedämpfte Grau- und Brauntöne dort, wo die Paare gemischt wurden
- Rot–Grün, Blau–Orange und Gelb–Violett
Übung
Welche Farbe ist im Farbkreis des Malers die Komplementärfarbe zu Blau?
- Grün
- Orange
- Violett
- Farbe
- Eugène Delacroix
- Monets
- „Impression, Sonnenaufgang“
- Georges Seurat
- Pointillismus
- Vincent van Gogh
- „Sternennacht“
- „Sternennacht“
- Henri Matisse
- „Der Tanz“
- Fauvismus
- Bauhaus
- Impressionismus
- Was ist Pointillismus? Seurat, die Punkte und die optische Mischung
- Der Fauvismus: wilde Farben, Matisse und Derain
- Die Sternennacht von Van Gogh: Bild, Ort und Techniken
- Impressionismus – Merkmale und die wichtigsten Maler
- Ratgeber