Der Unterschied zwischen Renaissance und Barock

Die Kunst der Renaissance strebt nach Ausgewogenheit, klaren Konturen und ruhigen, symmetrischen Kompositionen, während der Barock Bewegung, Tiefe und dramatisches Licht sucht. Die Renaissance zeigt einen idealen Zustand, der Barock einen aufgeladenen Augenblick. Dazwischen liegt der Manierismus, etwa 1527–1600.

Fakten

Zwei verschiedene Ideale

Die Künstler der Renaissance wollten eine geordnete, begreifbare Welt schaffen. Mit der Zentralperspektive konnten sie einen Raum aufbauen, in dem alles seinen Platz hat, und ihre Ideale von Proportion und Harmonie holten sie aus der Antike. Die Figuren stehen oft ruhig und würdevoll, die Komposition ist symmetrisch, und das Bild wirkt wie ein Fenster, durch das man hineinblickt.

Der Barock dagegen will den Betrachter packen. Der Raum greift zu uns heraus, das Licht fällt dramatisch, und wir sehen die Handlung in ihrem aufgeladensten Augenblick. Wo die Renaissance zeigt, wie etwas ist, zeigt der Barock, was geschieht.

Wölfflins fünf Begriffspaare

Der Schweizer Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin formulierte 1915 den Unterschied in fünf Begriffspaaren, die noch immer verwendet werden. Die Renaissance ist linear, mit scharfen Konturen, während der Barock malerisch ist, die Formen also in Licht und Schatten ineinanderfließen. Die Renaissance baut das Bild in Ebenen parallel zur Bildfläche auf, der Barock in die Tiefe mit Diagonalen.

Das Bild der Renaissance ist geschlossen, vom Rahmen begrenzt, das des Barock dagegen offen und scheint sich außerhalb fortzusetzen. In der Renaissance hat jeder Teil seinen eigenen Wert, im Barock sind die Teile einem Ganzen untergeordnet. Schließlich strebt die Renaissance nach absoluter Klarheit, während der Barock gern Teile des Bildes im Dunkel verschwinden lässt. Die Begriffe sind Vereinfachungen, doch sie schärfen den Blick.

Zwei Werke im Vergleich

Im „Abendmahl“ setzt Leonardo da Vinci Christus in die Mitte, vor ein Fenster, in dem alle Perspektivlinien zusammenlaufen. Die Jünger sind in Dreiergruppen zu beiden Seiten geordnet, und trotz der Dramatik des Augenblicks ist das Bild ausgewogen. In der „Schule von Athen“ baut Raffael einen ebenso geordneten Raum um Platon und Aristoteles auf.

Vergleiche dazu Caravaggios „Berufung des Matthäus“ oder Rubens’ „Kreuzabnahme“. Bei Caravaggio schneidet das Licht diagonal durch einen dunklen Raum, bei Rubens gleitet der Körper Christi an einer Diagonale aus Armen und Laken herab. Derselbe Unterschied zeigt sich in der Skulptur: Michelangelos „David“ steht in Ruhe vor dem Kampf, während Berninis David aus den 1620er-Jahren mitten im Wurf festgehalten ist.

Warum sich die Kunst veränderte

Der Wandel hatte mehrere Ursachen. Nach der Reformation wollte die katholische Kirche Bilder, die die Gläubigen berührten, und das Konzil von Trient (1545–1563) verlangte, dass die Kunst deutlich und ergreifend sei. Zugleich traten neue Auftraggeber auf: Fürsten, die Macht zeigen wollten, und in den Niederlanden Bürger, die Gemälde für ihre Häuser kauften.

Auch die Künstler selbst suchten neue Wege. In Bologna eröffneten die Brüder Carracci in den 1580er-Jahren eine Akademie, in der die Schüler nach dem lebenden Modell zeichneten, und Annibale Carracci malte im Palazzo Farnese in Rom Deckenfresken, die zum Vorbild der barocken Deckenmalerei wurden. Caravaggio ging mit Naturalismus und scharfem Licht in eine andere Richtung. Beide Wege führten weg von der ruhigen Ausgewogenheit der Hochrenaissance.

Die Architektur und der Weg dazwischen

Derselbe Unterschied findet sich bei den Bauten. Bramantes Tempietto in Rom ist ein runder, vollkommen ausgewogener Tempel, während Borrominis San Carlo alle Quattro Fontane eine Fassade hat, die ein- und ausschwingt. Mehr dazu in den Ratgebern über die Architektur der Renaissance und des Barock.

Der Übergang kam nicht plötzlich. Im Manierismus dehnten Künstler wie Parmigianino und El Greco die Ideale der Renaissance mit gelängten Figuren und unruhigen Kompositionen. Erst mit Caravaggio und Carracci um das Jahr 1600 nahm der Barock Gestalt an.

So unterscheidest du sie

Übung

Eine Skulptur zeigt David mitten im Wurf, den Körper verdreht und den Blick gespannt. Welcher Epoche gehört sie wahrscheinlich an?