Was ist Kontrapost? Die Haltung, die Statuen lebendig macht
Kontrapost ist eine Haltung, bei der eine stehende Figur ihr Gewicht auf einem Bein trägt, während das andere gebeugt und entspannt ist. Die Hüfte über dem Standbein wird nach oben geschoben, die Schultern neigen sich in die Gegenrichtung, und der Körper erhält eine weiche Schwingung. Das Gestaltungsmittel wurde im 5. Jahrhundert v. Chr. in der griechischen Skulptur entwickelt und lässt einen ruhenden Körper lebendig wirken, als könnte er jeden Moment einen Schritt tun.
Fakten
- Das Wort: Italienisch contrapposto, etwa „Gegenüberstellung“
- Erfunden: In Griechenland, um 480 v. Chr.
- Frühes Beispiel: Der Kritios-Knabe von der Akropolis in Athen
- Die Regel: Polyklets „Kanon“ und die Statue des „Doryphoros“ (Speerträger), 5. Jahrhundert v. Chr.
- Am bekanntesten: Michelangelos „David“ von 1504
- Gegenstück: Die starre Haltung mit gleichmäßig auf beide Beine verteiltem Gewicht
So funktioniert die Haltung
Stell dich hin und verlagere das gesamte Gewicht auf das rechte Bein. Die rechte Hüfte schiebt sich nach oben, das linke Knie beugt sich leicht, und der linke Fuß ruht nur noch locker auf dem Boden. Damit du das Gleichgewicht hältst, sinkt die rechte Schulter, und die linke hebt sich. Die Linie durch die Hüften und die Linie durch die Schultern neigen sich nun in entgegengesetzte Richtungen, und die Wirbelsäule schwingt. Das ist Kontrapost: eine Körperhaltung, die auf Gegensätzen zwischen Spannung und Entspannung, Tragen und Ruhen beruht.
Das Wort stammt vom italienischen contrapposto, etwa „Gegenüberstellung“, und bezeichnet Figuren, deren Körperteile gegeneinander verdreht und abgewinkelt sind. Im Glossar wird es kurz zusammengefasst: Das Gewicht ruht auf einem Bein, sodass der Körper schwingt. Das klingt einfach, war aber einer der großen Durchbrüche der Kunstgeschichte, denn es ermöglichte, einen ruhig stehenden Menschen darzustellen, ohne dass er steif wirkt.
Von starren Kouroi zu lebendigen Körpern
Die frühen griechischen Statuen junger Männer, die Kouroi, stehen frontal und aufrecht, die Arme seitlich am Körper. Ein Fuß ist vorgesetzt, doch das Gewicht verteilt sich auf beide Beine, und Hüften und Schultern liegen waagerecht. Sie wirken, als stünden sie stramm. Diese Haltung hatten die Griechen aus der ägyptischen Skulptur übernommen, wo sie seit Jahrtausenden verwendet worden war.
Um 480 v. Chr. geschah etwas Neues. Beim sogenannten Kritios-Knaben, der auf der Akropolis in Athen gefunden wurde, trägt das eine Bein das Gewicht, das andere ist leicht gebeugt, und der Kopf ist ein wenig gedreht. Die Statue gilt als das älteste bekannte Beispiel für Kontrapost. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde die Haltung in der griechischen Skulptur selbstverständlich, und seither ist sie nie ganz verschwunden.
Polyklet und der Kanon
Zur Regel machte die Haltung der Bildhauer Polyklet von Argos. Im 5. Jahrhundert v. Chr. verfasste er eine Abhandlung mit dem Titel „Kanon“ (Maßstab) und schuf eine Statue, die die Regeln in der Praxis vorführen sollte: den „Doryphoros“, den Speerträger. Sowohl der Text als auch das Bronzeoriginal sind verloren, doch die Statue ist durch römische Marmorkopien bekannt, von denen die berühmteste in Neapel steht.
Im „Doryphoros“ ist alles über Kreuz ausbalanciert. Das rechte Bein trägt, und der rechte Arm hängt entspannt herab, während das linke Bein ruht und der linke Arm gebeugt ist, um den Speer zu halten. Spannung und Entspannung wechseln diagonal durch den Körper, sodass die Statue vollkommen ruhig steht und doch den Eindruck erweckt, sie könne weitergehen. Wie Polyklet über Proportionen und das gemeinsame Maß der Teile dachte, wird im Ästhetikkapitel über die Griechen erklärt.
Die Renaissance greift die Haltung wieder auf
Im Mittelalter verschwand der klassische Kontrapost fast vollständig. Die Figuren der Gotik können sich elegant in der Hüfte schwingen, doch die Schwingung ist eher ein Ornament als ein Körper, der sein Gewicht trägt. Im 15. Jahrhundert studierten die Künstler in Florenz die Statuen der Antike, und die Haltung kehrte zurück. Donatellos „David“ aus Bronze, der üblicherweise in die 1440er-Jahre datiert wird, steht mit dem Gewicht auf einem Bein und der Hand an der Hüfte.
Das bekannteste Beispiel ist Michelangelos „David“ von 1504, über fünf Meter hoch. Er steht mit dem Gewicht auf dem rechten Bein, während das linke vorgesetzt und entspannt ist. Der rechte Arm hängt herab, und der linke ist zur Schulter hin angewinkelt, wo er die Schleuder hält. Der Kopf ist zur Seite gewandt, dem Feind zu. Die Ruhe des Körpers und die Spannung des Blicks lassen ihn so wirken, als befände er sich im Augenblick vor dem Kampf.
Die Haltung zog auch in die Malerei ein. Botticellis „Geburt der Venus“ steht im Kontrapost auf ihrer Muschel wie eine antike Statue, allerdings mit unnatürlich langem Hals und abfallenden Schultern. Lege gern David und Venus nebeneinander und sieh, wie dieselbe Haltung bei dem einen kraftvoll und bei der anderen schwebend wirkt. Mehr über die Ideale der Zeit findest du im Ratgeber über die Renaissance.
Von Sergel bis zu Comicheften
Die schwedische Skulptur lernte das Körperideal der Antike in Rom kennen. Johan Tobias Sergel lebte dort über zehn Jahre und studierte die antiken Statuen. Sein „Faun“ von um 1774 steht nicht, sondern liegt schlafend da, zeigt aber dasselbe klassische Ideal: einen ruhenden Körper, in dem jeder Teil einem anderen entspricht. Carl Milles’ „Poseidon“ auf dem Götaplatsen in Göteborg steht in leicht gedrehter Haltung, sodass er zugleich zu ruhen und in Bewegung zu sein scheint.
Kontrapost findet sich überall dort, wo Menschen natürlich aussehen sollen. Models auf Fotos stehen oft mit dem Gewicht auf einem Bein, dieselbe Regel wird im Zeichenunterricht vermittelt und von Comiczeichnern und den Gestaltern von Computerspielfiguren angewendet. Wenn die Zeichnung eines stehenden Menschen steif wirkt, liegt das oft daran, dass das Gewicht gleichmäßig auf beide Füße verteilt ist.
Worauf du achten kannst
Beginne bei den Füßen: Welches Bein steht gerade unter dem Körper, und welches ist gebeugt oder vorgesetzt? Folge dann den Hüften und Schultern. Wenn die Linien durch sie in entgegengesetzte Richtungen geneigt sind, steht die Figur im Kontrapost. Betrachte zuletzt die Arme. Bei Polyklet und seinen Nachfolgern ist der Arm auf der Seite des Standbeins oft entspannt, sodass Spannung und Entspannung ein Kreuz durch den Körper bilden.
Daran erkennst du ihn
- Das Gewicht ruht auf einem Bein
- Das andere Bein ist gebeugt und entlastet
- Die Hüfte über dem Standbein ist am höchsten
- Die Schultern neigen sich entgegengesetzt zu den Hüften
- Der Rücken schwingt in einem weichen Bogen
- Spannung und Entspannung wechseln diagonal durch den Körper
Übung
Welche Statue gilt als das älteste bekannte Beispiel für Kontrapost?
- Der Kritios-Knabe von um 480 v. Chr.
- Michelangelos „David“
- Die „Laokoongruppe“
- Glossar
- die Griechen
- Donatellos
- Michelangelos
- „David“
- Botticellis
- „Geburt der Venus“
- David und Venus nebeneinander
- Renaissance
- Johan Tobias Sergel
- „Faun“
- Carl Milles’
- „Poseidon“
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