Der Goldene Schnitt in der Kunst: Wahrheit, Mythen und Anwendung

Der Goldene Schnitt ist das Verhältnis von etwa 1 zu 1,618, bei dem sich der längere Teil zum kürzeren verhält wie das Ganze zum längeren. Die Zahl heißt Phi. Sie fasziniert Künstler, Architekten und Mathematiker seit über zweitausend Jahren, doch viele Behauptungen, berühmte Werke beruhten darauf, sind übertrieben.

Fakten

Was der Goldene Schnitt ist

Stell dir eine Strecke vor, die in zwei Teile geteilt wird, einen längeren und einen kürzeren. Verhält sich der längere Teil zum kürzeren wie die ganze Strecke zum längeren, ist die Teilung golden. Das Verhältnis beträgt etwa 1,618, und die Zahl heißt Phi. Ein Rechteck mit den Seiten 1 und 1,618 nennt man ein Goldenes Rechteck. Schneidet man ein Quadrat davon ab, ist der Rest ein neues, kleineres Goldenes Rechteck.

Euklid beschrieb die Teilung in den „Elementen“, und im 13. Jahrhundert zeigte Fibonacci die Zahlenfolge 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13 …, bei der der Quotient zweier Zahlen sich Phi annähert. Der Name Goldener Schnitt kam erst im 19. Jahrhundert auf. Die Erklärung ist nicht mystisch: Es handelt sich schlicht um ein mathematisches Verhältnis mit ungewöhnlichen Eigenschaften.

Renaissance und Leonardo

In der Renaissance wurden die Proportionen zum Ideal. Der Mathematiker Luca Pacioli schrieb 1509 das Buch „De divina proportione“, die göttliche Proportion, und Leonardo da Vinci zeichnete die geometrischen Körper, die sie veranschaulichten. Leonardo und seine Zeitgenossen interessierten sich dafür, wie Mathematik, Perspektive und Schönheit zusammenhängen; siehe Perspektive und den Ratgeber zur Zentralperspektive.

Doch Leonardo verwendete Phi nicht unbedingt in der Mona Lisa oder im Abendmahl. Goldene Rechtecke darin lassen sich finden, wenn man die Zeichnung auf eine bestimmte Weise darüberlegt, doch es gibt dafür keine Belege in seinen eigenen Schriften. Dieselbe Warnung gilt für die Schule von Athen von Raffael: Die Ordnung im Bild ist klassisch und ausgewogen, aber eine exakte Formel ist unklar.

Mythen und was belegt ist

Es gibt viele Behauptungen: dass der Parthenon in Athen nach dem Goldenen Schnitt gebaut sei, dass die Pyramiden es seien, dass der menschliche Körper es sei. Messungen zeigen meist, dass die Proportionen nahe daran liegen, aber nicht exakt, und bei so vielen Maßen zur Auswahl findet sich fast immer etwas, das 1,6 ähnelt. Das nennt man bisweilen Numerologie. Mehr zum klassischen Tempel im Ratgeber zu den Säulenordnungen.

Belegt ist, dass einige Künstler und Architekten das Verhältnis bewusst eingesetzt haben. Le Corbusier gründete sein ab 1943 entwickeltes Maßsystem Modulor auf das Maß des Menschen und den Goldenen Schnitt; siehe Le Corbusier. Salvador Dalí malte „Das Sakrament des Letzten Abendmahls“ 1955 auf eine Leinwand mit goldenen Proportionen und ließ ein Dodekaeder über dem Bild schweben. Auch Georges Seurat und Piet Mondrian wurden in diesem Zusammenhang genannt, doch hier sind sich die Forscher uneins.

So nutzt du ihn in der Komposition

Für einen Maler oder Fotografen ist der Goldene Schnitt ein Hilfsmittel, kein Gesetz. Man kann das Hauptmotiv des Bildes etwa bei 0,62 der Bildbreite platzieren und erhält so eine ausgewogene, aber nicht symmetrische Komposition. Die gängige Drittelregel ist eine vereinfachte Version. Mehr zu Balance und Bildfläche im Abschnitt zur Komposition und im Ratgeber zum Lesen eines Gemäldes.

Der Goldene Schnitt taucht auch in der Natur auf, etwa darin, wie die Kerne der Sonnenblume und die Schuppen von Zapfen nach den Fibonacci-Zahlen in Spiralen angeordnet sind. Das ist eine Erklärung, keine Gestaltungsregel. Heute wird das Verhältnis beim Entwurf von Logos, Bildschirmen und Typografie verwendet, und in unseren eigenen Augen: Wir empfinden ausgewogene Verhältnisse als harmonisch, doch der Geschmack wechselt mit Zeit und Kultur. Siehe auch Dieter Rams und gutes Design im Designbereich und die Renaissance.

Daran erkennst du ihn

Übung

Welchen Wert hat der Goldene Schnitt ungefähr?