High-Tech-Architektur: wenn die Konstruktion zum Ausdruck wird
High-Tech ist ein Architekturstil ab den 1970er-Jahren, in dem das Tragwerk, die Lüftung, die Rohre und die Aufzüge eines Gebäudes offen als Ausdrucksmittel gezeigt werden. Man verwendet industrielle Materialien wie Stahl und Glas, leichte, vorgefertigte Teile und setzt Technik als Ästhetik ein. Foster, Rogers und Piano sind die führenden Namen des Stils.
Fakten
- Zeitraum: Ab etwa 1970
- Material: Stahl, Glas, Aluminium, vorgespannte Seile und Membranen
- Hauptwerke: Centre Pompidou (1977), Lloyd’s (1986), HSBC in Hongkong (1986)
- Architekten: Norman Foster, Richard Rogers, Renzo Piano
- Vorläufer: Crystal Palace, Eames House, Buckminster Fuller, Archigram
Die Maschine als Vorbild
High-Tech wuchs aus dem Technikglauben der Moderne. Mies van der Rohe hatte gezeigt, wie Stahl und Glas zur Ästhetik werden konnten, und der Crystal Palace von Joseph Paxton aus dem Jahr 1851 war ein früher Beleg dafür, dass vorgefertigte Teile in kurzer Zeit große Räume bilden konnten. In den 1960er-Jahren träumte die britische Gruppe Archigram von beweglichen, vernetzten Städten, und Buckminster Fuller baute Kuppeln aus leichten Stäben.
In den 1970er-Jahren zeigte eine Gruppe von Architekten, hauptsächlich Briten und Italiener, wie sie das Gebäude zu einer Maschine machen konnten. Das Tragwerk sollte flexibel sein, damit sich die Räume verändern ließen, und die Technik sichtbar und leicht verständlich. Deshalb wurden Treppenhäuser, Rohre und Kanäle in kräftigen Farben nach außen auf die Fassade verlegt. Zu den Vorläufern lies den Ratgeber über Mies van der Rohe und über die Moderne der Nachkriegszeit.
Centre Pompidou und Lloyd’s
Das Centre Pompidou in Paris, entworfen von Renzo Piano und Richard Rogers und 1977 eröffnet, wurde zum Durchbruch des Stils. Das Gebäude kehrte Innen und Außen um: Rolltreppen in durchsichtigen Röhren, Luftkanäle in Blau, Wasserrohre in Grün, Stromleitungen in Gelb und Aufzüge in Rot außerhalb der Fassade. So blieben die Säle im Inneren frei. Anfangs löste es einen Schock aus, wurde aber zu einem der meistbesuchten Kulturbauten von Paris.
Lloyd’s of London (1978–1986), ebenfalls von Rogers, folgt demselben Prinzip. Die Servicetürme mit Toiletten, Treppen und Aufzügen stehen außen, und der Stahl glänzt. Dahinter liegt ein offenes Atrium mit Büros rund um eine große Halle. Das Gebäude wurde zur Ikone des Londoner Finanzviertels und galt mal als visionär, mal als Rattenkolonie aus Rohren, steht aber unter Denkmalschutz.
Foster und der sichtbare Stahl
Norman Foster verfolgte eine klarere Linie. Das HSBC-Gebäude in Hongkong (1979–1986) hängt seine Geschosse in enormen Stahlbrücken zwischen acht Masten auf, sodass im Inneren keine tragenden Stützen nötig sind. Die Fassade ist voller Stahlstäbe und Konstruktionsteile, die zeigen, wie das Gebäude zusammenhält. Es war bei seinem Bau eines der teuersten Bauprojekte der Welt.
Foster baut gern mit Glas und energiesparenden Lösungen. Seine Kuppel auf dem Reichstag in Berlin (1999) hat einen Spiegelkegel, der Licht und Luft lenkt, und die Gherkin in London (2004) nutzt eine spiralförmige Lüftung. Terminal 3 des Flughafens Beijing Capital von 2008 und der Flughafen Stansted zeigen dieselbe Vorliebe für leichte Tragwerke. Vergleiche mit dem CCTV-Hauptsitz, der die Technik in eine andere Richtung führt.
Nach dem High-Tech
Der Stil ist auf Kritik gestoßen. Kritiker meinen, er sei teuer, verdecke viel vom menschlichen Maßstab der Räume, und ein Stahlskelett, das ständig zur Schau gestellt wird, könne ebenso verziert wirken wie der Klassizismus, den es ablöste. Dennoch sind die Prinzipien Allgemeingut geworden: nachhaltige Gebäude, flexible Grundrisse und energiesparende Technik gehen oft auf das High-Tech zurück. Siehe auch die Geschichte des Wolkenkratzers.
Mehrere Architekten gehen im gleichen Geist weiter, etwa Santiago Calatrava mit seinen skulpturalen Stahl- und Betonkonstruktionen. Das Gegenstück waren die Postmoderne, die Ornament und historische Zitate wählte, und der Brutalismus, der den Beton sprechen ließ; siehe postmoderne Architektur und Brutalismus. Die Epoche wird unter Gegenwart und der Stil unter zeitgenössische Architektur beschrieben; die Technik im Designbereich und Dieter Rams und gutes Design zeigen denselben Gedanken.
Daran erkennst du ihn
- Sichtbare Stahlkonstruktion und Installationen
- Rohre, Kanäle und Treppen an der Fassade, oft in kräftigen Farben
- Leichte, vorgefertigte Teile
- Große Glasflächen und offene, flexible Räume
- Technik als Ästhetik
- Energiesparende und lichtlenkende Lösungen
Übung
Welches Gebäude war 1977 der Durchbruch der High-Tech-Architektur?
- Seagram Building
- Villa Savoye
- Centre Pompidou
- Mies van der Rohe
- Crystal Palace
- Joseph Paxton
- Mies van der Rohe
- Moderne der Nachkriegszeit
- Centre Pompidou
- Renzo Piano
- Richard Rogers
- Lloyd’s of London
- Norman Foster
- HSBC-Gebäude
- Reichstag
- Gherkin
- CCTV-Hauptsitz
- Geschichte des Wolkenkratzers
- Santiago Calatrava
- postmoderne Architektur
- Brutalismus
- Gegenwart
- zeitgenössische Architektur
- Technik
- Dieter Rams und gutes Design
- Mies van der Rohe: Weniger ist mehr in Glas und Stahl
- Die Geschichte des Wolkenkratzers: von Chicago bis zum Burj Khalifa
- Was ist Brutalismus? Die Betonarchitektur erklärt
- Was ist postmoderne Architektur? Merkmale und Beispiele
- Architektur in London: Kathedralen, Viktorianisches und High-Tech
- Ratgeber