Manierismus: der Stil zwischen Renaissance und Barock
Manierismus ist ein Kunststil von etwa 1520–1600, zwischen Hochrenaissance und Barock. Er zeichnet sich durch gestreckte Körper, verdrehte Posen, ungewöhnliche Farben und enge, bisweilen verwirrende Räume aus. Die Künstler wollten ihr Können und ihre Fantasie zeigen, statt die Natur nachzuahmen.
Fakten
- Zeitraum: um 1520–1600
- Ursprung: Florenz und Rom, verbreitete sich dann über Europa
- Name: Vom italienischen maniera, der persönlichen Art oder dem Stil des Künstlers
- Wichtige Künstler: Pontormo, Parmigianino, Bronzino, Tintoretto, El Greco, Arcimboldo
- Vorausgegangen: Hochrenaissance (Leonardo, Raffael, Michelangelo)
Wenn Harmonie nicht genügte
Die Meister der Hochrenaissance hatten Anfang des 16. Jahrhunderts ein Gleichgewicht zwischen Natur und Ideal erreicht, das viele als unübertrefflich empfanden. Raffaels „Schule von Athen“ war das Sinnbild dieser stillen, symmetrischen Ordnung. Was konnte ein junger Künstler danach tun? Die Antwort lautete: verdrehen, strecken und übertreiben, also zeigen, dass man die Regeln so gut beherrschte, dass man sie brechen konnte.
Das Wort Manierismus kommt von maniera, das der Künstlerbiograf Giorgio Vasari für einen eleganten, raffinierten persönlichen Stil verwendete. Als Bezeichnung für eine Epoche bekam das Wort in späteren Jahrhunderten oft einen abwertenden Klang, da man den Manierismus als Verfallszeit ansah. Erst im 20. Jahrhundert wurde der Stil eigenständig und gerechter beurteilt; mehr dazu unter der Epoche Manierismus.
Florenz und Rom
Jacopo da Pontormo malte in Florenz in den 1520er-Jahren die Kreuzabnahme in der Kapelle von Santa Felicita, mit schwebenden Gestalten in säuerlichen Rosa- und Blautönen und ohne Boden unter den Füßen. Parmigianino schuf die „Madonna mit dem langen Hals“, in der das Kind zu groß ist und Marias Hals, Finger und Beine auf fast elegante, unnatürliche Weise gestreckt sind. Agnolo Bronzino, Hofmaler der Medici, malte kühl polierte Porträts und eine berühmte Allegorie der Liebe mit übertrieben glatten, marmorartigen Körpern.
Auch in der Architektur zeigt sich die Verspieltheit. Michelangelo entwarf die Treppe und das Vestibül der Biblioteca Laurenziana in Florenz, mit Säulen, die in der Wand sitzen, und einer Treppe, die sich über den Boden ergießt, wie in der Laurenziana. Es sind Bauteile, die gegen die klassischen Regeln verstoßen, um Staunen zu erwecken.
Venedig, Spanien und die Kunst der Höfe
In Venedig malte Tintoretto dramatische Szenen mit tiefen Perspektiven, Lichtblitzen und bewegten Körpern, schnell und mit breitem Pinsel. El Greco, auf Kreta geboren und ab 1577 in Toledo tätig, trieb die Streckung der Körper und das geistige Licht am weitesten. Sein „Begräbnis des Grafen von Orgaz“ von 1586–1588 teilt das Bild in eine irdische und eine himmlische Zone mit Farben und Formen, die schwerelos wirken. Er wird oft zum Manierismus gezählt, auch wenn seine Kunst eine eigene Welt ist.
Der Manierismus blühte auch an den Fürstenhöfen. Kaiser Rudolf II. in Prag sammelte merkwürdige Objekte und Künstler, darunter Giuseppe Arcimboldo, dessen Porträts aus Früchten, Gemüse und Blumen zusammengesetzt sind. Der Bildhauer Giambologna schuf spiralförmig gedrehte Figurengruppen, die von allen Seiten betrachtet werden sollten, und der Goldschmied Benvenuto Cellini fertigte für Franz I. ein Salzfass aus Gold und Email an, siehe Cellinis Salzfass.
So unterscheidest du Manierismus von Renaissance und Barock
Die Renaissance will Ordnung, Symmetrie und Ruhe. Der Manierismus will Spannung, Asymmetrie und knifflige Lösungen und wendet sich an ein Publikum, das die Kunstgriffe der Kunst selbst genießen kann. Der Barock, der danach kam, kehrt zur Glaubwürdigkeit der Natur zurück, aber mit Dramatik, Bewegung und starkem Licht; vergleiche in den Ratgebern zur Renaissance und zum Barock sowie im Vergleich Renaissance und Barock.
Achte auf übertrieben lange Gliedmaßen, kleine Köpfe, Körper, die sich in einer schlangenartigen Linie winden, intensive Farben und Bilder, in denen der Raum zusammengedrängt wirkt. Achte auch darauf, dass der Zeitpunkt stimmt: Der Stil ist eine Reaktion auf die Hochrenaissance und gehört damit in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts, ungefähr zwischen Michelangelos letzten Jahren und Caravaggios Debüt.
Daran erkennst du ihn
- Gestreckte Körper mit kleinen Köpfen und langen Hälsen, Beinen und Fingern
- Verdrehte Posen: die schlangenartige Linie, figura serpentinata
- Säuerliche, ungewöhnliche Farben wie Rosa, Grün und Türkis
- Enge, verwirrende Räume ohne klare Tiefe
- Kühle Eleganz und kunstvolle Virtuosität
- Überraschende Lösungen, die gegen die klassischen Regeln verstoßen
Übung
Welches dieser Merkmale passt am besten zum Manierismus?
- Ruhige Symmetrie und harmonische Proportionen
- Starkes Licht und dramatische Bewegung in natürlichen Räumen
- Gestreckte Körper und verdrehte, elegant unnatürliche Posen
- Raffaels
- „Schule von Athen“
- Epoche Manierismus
- Jacopo da Pontormo
- Parmigianino
- „Madonna mit dem langen Hals“
- Agnolo Bronzino
- Michelangelo
- Laurenziana
- Tintoretto
- El Greco
- „Begräbnis des Grafen von Orgaz“
- Giuseppe Arcimboldo
- Giambologna
- Benvenuto Cellini
- Cellinis Salzfass
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